Massenveranstaltungen : Panik ist nicht berechenbar

Die Planung von Massenveranstaltungen hat sich zu einer Wissenschaft entwickelt. In Duisburg wurde alles falsch gemacht – wie einst in Woodstock.

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Die berühmteste aller miserabel geplanten Parties fand im Jahr 1969 in den USA statt. Damals wollte ein junger Musikproduzent ein Festival organisieren, um Geld für sein Tonstudio in Woodstock aufzutreiben. Zu dem ursprünglich für 50 000 Teilnehmer geplanten Hippie-Fest kamen schließlich eine halbe Million Menschen. Die verstopften Zufahrtswege waren für Polizei und Rettungsfahrzeuge unpassierbar. Wasser, Lebensmittel und Medikamente mussten per Hubschrauber eingeflogen werden. Das Gelände wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Seit dem legendären Woodstock-Festival hat sich die Planung von Massenveranstaltungen zu einer Wissenschaft entwickelt. Zahlreiche Massenpaniken wurden ausgewertet, etwa beim Hadsch nach Mekka und in den Fußballstadien von Brüssel 1985 und Sheffield 1989. Nach heutigem Stand müssen Vorbereitungen für drei unterschiedliche Situationen getroffen werden.

Die erste Stufe betrifft die Menschenströme unter normalen Bedingungen. Diese Bewegungen sind erstaunlich genau berechenbar, ähnlich der laminaren Strömung eines ruhigen Flusses. Im Gedränge quetschen sich etwa vier Mitteleuropäer freiwillig auf einen Quadratmeter (Japaner halten mehr Abstand, Inder weniger). Mittels der „Netzwerkflusstheorie“, die auch für die Planung von Autobahnen eingesetzt wird, lassen sich die Anforderungen an Verkehrswege, Notausgänge und Stauräume ziemlich genau berechnen. Um die Fußgängerströme geordnet zu halten, werden sie vor Engpässen durch Absperrungen geteilt, so verringert sich der Druck an Ein- und Ausgängen. An besonders kritischen Stellen des Geländes soll Einbahnverkehr eingerichtet werden. Zusätzlich muss es Ausweichflächen geben, die im Notfall geöffnet werden können.

Wenn Massen in Panik geraten, entstehen jedoch turbulente Ströme wie in einem Wasserstrudel, die mathematisch nicht vorhersehbar sind. In dieser zweiten Stufe sind Erkenntnisse der Verhaltensforschung gefragt. Wenn Menschen in Panik gestoppt werden, weichen sie in alle Richtungen aus und stemmen sich gegen ihre Nachbarn. Dadurch steigt der Druck, an Engstellen kommt es zur Blockade („Stillstand durch Bewegung“). In dieser hochverdichteten Masse mit bis zu zehn Personen pro Quadratmeter sind Stürze unvermeidbar. Ab fünf übereinander liegenden Menschen kann der unterste nicht mehr atmen. An seitlichen Hindernissen erzeugen bereits 50 Drängler einen lebensgefährlichen Druck von etwa einer Tonne.

Dabei reagieren Menschen keineswegs in blinder Panik wie Rindviecher bei einer Stampede. Ihr Verhalten folgt vielmehr einer vorhersehbaren Logik: Wo alle hinlaufen, ist wahrscheinlich der Ausgang. Ein Weg ins Freie ist besser als einer ins Gebäude. Ein heller Durchgang ist anziehender als ein dunkler Tunnel. Auf einer Treppe nach oben ist es sicherer als unten in der Masse. Unbrauchbare Fluchtwege, wie hell erleuchtete Sackgassen und gefährliche Treppen nach oben, müssen deshalb vorher versperrt werden. An kritischen Stellen müssen Lautsprecher vorhanden sein – klare Anweisungen gelten als bestes Mittel, um Panikreaktionen zu vermeiden.

Drittens müssen Vorkehrungen für den Fall getroffen werden, dass es dennoch zu einem Massenanfall von Verletzten kommt. Hierzu gehören unter anderem spezielle Zufahrtswege für die Rettungskräfte und Flächen für die Versorgung der Patienten.

Nach derzeitigem Kenntnisstand starben bei der Loveparade in Duisburg die meisten Menschen, weil sie in der Menge gegen- und aufeinander gedrückt wurden. Da es keine Lautsprecheransagen gab, gerieten selbst die Ordner in Panik. Die Rettungskräfte kamen zunächst nicht an die Verletzten heran. Falls das stimmt, wurde in Duisburg nahezu alles missachtet, was man in den vierzig Jahren seit Woodstock über Massenveranstaltungen gelernt hat.

Damals ging die Sache übrigens nur durch einen Zufall gut aus. Weil am ursprünglichen Veranstaltungsort zu wenig Platz für Toiletten war, wurde das Festival auf eine riesige Kuhweide verlegt. So reichte der Platz für eine halbe Million Menschen, die befürchtete Katastrophe blieb aus.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

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