Matinee : Ein Hauch von Verbotenem

Elf Uhr am Vormittag ist die Stunde, in der man im Büro fieberhaft auf der Tastatur klimpert, die produktivste Stunde. Eine Schande also, wenn man diese Zeit verfallen lässt und stattdessen ins Kino geht - doch die Matinee ist ein Befreiungsschlag.

Pascale Hugues

Die Matinee – diese Institution existiert in Berlin leider nicht. Schade! Jemand sollte in den Kinos hier diese so erlesene und so ganz besondere Zeitspanne einführen. Mitten in der Woche um elf Uhr ins Kino gehen, was für ein Luxus! Spät aufstehen, auf einer Terrasse in der Sonne frühstücken, am menschenleeren Schalter eine Eintrittskarte kaufen und im Halbdunkel eines kleinen Filmkunstkinos in Saint-Germain verschwinden. Draußen das richtige Leben: ferner Lärm, Hupen, das dumpfe Schlingern des Verkehrs. Drinnen ein anderes Universum, geschlossen und gepolstert.

Unter der Woche gehört in Berlin die Welt von Traum und Illusion allein der Nacht. Die Filme werden frühestens am Ende des Nachmittags gezeigt. Man geht am Abend ins Kino, nach der Arbeit. Erst die Arbeit, dann der Spaß. Die 20-Uhr-Vorstellung ist der wohlverdiente Lohn des Bürokriegers.

Dabei ist doch die Matinee einer der größten Genüsse des urbanen Lebens. Und wie alle intensiven Vergnügen hat auch dieses einen kleinen Beigeschmack, den des Verbotenen. Es ist überzogen mit einem winzigen Hauch von schlechtem Gewissen. Ja, ein leichtes Schuldgefühl: Wie kann man es wagen, sich mit Colin Firth im Dunkeln zu verabreden, statt zu handeln, etwas zu erledigen, zu arbeiten, zu organisieren. Um diese Uhrzeit! Mitten am Tag! Und was macht man stattdessen? Man rollt sich, schön im Warmen, in einem abgewetzten Samtsessel zusammen, der Körper hingegeben, die Augen auf die Leinwand gerichtet. Um elf Uhr vormittags! Unverschämt!

Elf Uhr am Vormittag ist die Stunde, in der man im Büro fieberhaft auf der Tastatur klimpert. Die Stunde, in der die Telefone läuten, die Handys ans Ohr gepresst werden. Die Stunde der Meetings und der Powerpoint-Präsentationen. Die Stunde, in der man die Welt bewegt, die Börsenkurse hochtreibt, die Internetseiten füllt. Die produktivste Stunde, sagen die Neurologen. Das Gehirn drückt auf die Tube, bevor es nach der Mittagspause ein wenig abschlafft.

Eine Schande also, wenn man diese Zeit verfallen lässt und stattdessen ins Kino geht. Das ist doch ziemlich unseriös … Diese selbstvergessene kleine Freude, dieses Verbot, gegen das man verstößt, um sich aus dem Tageslicht in den Saal zurückzuziehen. Zwei Stunden lang hat man sich aus dem Leben der ganzen Stadt ausgeklinkt. Die anderen arbeiten konzentriert. Man selbst träumt vor sich hin. Die Matinee ist ein Befreiungsschlag. Man hat die Bürde des Alltags abgeworfen, man reißt die Fenster weit auf, man flieht in die Ferne … nur für ein paar Stunden. Man reist durch die Zeit. Man verliebt sich. Man zittert. Man bebt. Die Matinee ist ein Moment des Rückzugs. Ein kurzes Ausreißen. Bevor man zurückkehrt.

Sicher, das Fernsehen steht uns Tag und Nacht immer zur Verfügung. Aber das Haus verlassen, um einen Film im Kino zu sehen, das hat eine ganz andere Qualität als der passive Konsum eines Films auf dem Wohnzimmersofa. Wer kennt nicht den unangenehmen Nachgeschmack, das an Übelkeit grenzende schale Gefühl, wenn man in einer schlaflosen Nacht um drei Uhr einen Fernsehthriller angeschaut hat? Die Matinee bleibt eine zivilisierte Stunde. Eine in den Tagesrhythmus integrierte Zeit. Nur an den Rand geschoben.

Der unwirklichste Augenblick ist es, wenn man wieder hinaustritt. Es ist ein Uhr mittags. Das Tageslicht blendet. Auf dem Trottoir sprüht das Leben. Man ist wie benommen, man kneift die Augen zusammen. Man geht wieder an Land, und die Stadt ist plötzlich fremd geworden. Orientierungslos schwebt man ein paar Zentimeter über dem Boden, man schwankt wie eine Betrunkener ins nächste Café, um sich kurz hinzusetzen und wieder zur Besinnung zu kommen, um das Band zwischen dem Innen und dem Außen, das plötzlich wieder seine Rechte fordert, neu zu knüpfen. Die Straße ist feucht. Na, so was, es hat geregnet, und wir haben nichts mitbekommen. Bald wird es dunkel. Was tun mit diesem angebrochenen Tag? Lohnt es sich überhaupt noch, mit der Arbeit anzufangen? Der nächste Film beginnt um 16 Uhr, dann um 20 Uhr und schließlich um 22 Uhr, er geht bis tief in die Nacht. Vier Filme an einem einzigen Tag. Ein wahres Geschenk!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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