Meinung : „MATT! Dame nach h7, MATT!“

Martin Breutigam

Die Zuschauer im Forum der Bonner Bundeskunsthalle sahen Schachweltmeister Wladimir Kramnik in den vergangenen Tagen oft kämpfen und leiden. Seinen Gegner, das Schachprogramm „Deep Fritz“, haben sie nie zu Gesicht bekommen. Denn etwa eine Stunde vor jeder Partie hat Mathias Feist, Programmierer und Bediener von „Deep Fritz“, seinen „Sohn“ in eine Art Verließ in der Wand des Saales eingesperrt. Hinter zwei dicken Schiebetüren aus Metall konnte „Deep Fritz“ dann heulen wie ein Staubsauger, ohne dass es der zehn Schritte entfernt sitzende Weltmeister hörte.

Der Krach hat einen einfachen Grund: Die vier parallelisierten Prozessoren verlangen nach Kühlung. Schließlich knobelt „Deep Fritz“ an acht Millionen Zügen pro Sekunde gleichzeitig, das heißt, er berechnet bis zu zehn Züge im Voraus perfekt, Billionen von Positionen. Kein Wunder, dass Kramnik diesem Rechenmonster mit 2:4 Punkten unterlegen ist. Außerdem hat er menschliche Züge an „Fritz“ festgestellt. „Der Computer spielt wie ein Mensch, das ist sehr interessant. Man spürt, dass man gegen einen sehr mächtigen Gegner spielt.“

Dabei ist der in seinem dunklen Verließ röhrende Gegner kaum größer als eine Pizzaschachtel, in der sich vier 160 Gigabyte große Festplatten befinden. Eigentlich ist „Deep Fritz“ eher schweigsam. In Bonn ist er aber einmal, am Ende der zweiten Partie, mit seinem Schöpfer und Bediener in Kontakt getreten. Mathias Feist wusste erst gar nicht, was los war, als auf seinem Monitor plötzlich „MATT!“ aufleuchtete. „Ich dachte, ist der Computer kaputt oder was?“, sagte Feist. Auch Feist hatte zunächst gar nicht bemerkt: Dem Weltmeister war ein Anfängerfehler, ja ein Jahrhundertfehler unterlaufen. Feist folgte den weiteren Anweisungen und setzte die Dame nach h7 – matt!

Als Basis von „Deep Fritz“ dient das Programm „Fritz 10“, im Laden für knapp 50 Euro erhältlich. „Deep“ steht für die größere Rechentiefe der parallel geschalteten Prozessoren. Feist ist schon seit der ersten Programmversion im Jahre 1991 dabei. Dass Fritz im angelsächsischen Ausland als Synonym für einen Deutschen gilt, war eine bewusste Entscheidung bei der Namensfindung. Tatsächlich wurde Fritz anfangs belächelt. Doch 1995 wurde er erstmals Computerweltmeister. „Wir sind damals nur mit einer Diskette nach Hongkong gereist“, erinnert sich Feist. Und in der letzten Runde setzte Fritz, auf einem langsamen 386er spielend, den großen IBM-Computer „Deep Blue“ matt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar