Meinung : Matthies meint: 150 Prozent Deutsche

Das Dumme an der Zukunft ist, dass sie der Vergangenheit ständig im Weg steht. Oder war es umgekehrt? Man wird manchmal ganz dumm im Kopf, zumal in Deutschland, wo es in Sachen Vergangenheit noch allerhand aufzuarbeiten gibt. Wir delegieren diese Aufgabe deshalb gern an Festredner, die tiefschürfende Fragen aufwerfen, ohne eine Antwort zu erwarten. Damit sind sie besser dran als die Meinungsforscher, die unglücklicherweise auf einer Antwort bestehen - und dann ratlos auf die Ergebnisse starren. Und wir mit ihnen. Gestern zum Beispiel hat der "Spiegel" eine selbst für seine Verhältnisse angestrengte 20-teilige Serie über Hitlers Schatten mit einer Emnid-Umfrage eröffnet, derzufolge 85 Prozent der Deutschen Diskussionen über das Dritte Reich für notwendig halten. 61 Prozent dagegen meinen, man solle die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen. Das macht zusammen 146 Prozent, die Unentschiedenen noch nicht einmal gerechnet. 150 Prozent Deutsche! Kein Wunder, dass die Straßen so voll sind und die Kassen so leer. Andererseits könnte es sein, dass viele Befragte zu diesem Thema zwei Meinungen haben, die sie gern beide äußern, wenn nur einer lange genug fragt. Oder, dass bei Umfragen zur NS-Zeit grundsätzlich zu viel gelogen wird.

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