Matthies meint : Die Rückkehr des Problembären

Was haben Wikileaks, Problem- und Eisbären mit Jahresrückblicken zu tun? Ein Erklärungsversuch.

von
Bernd Matthies
Bernd Matthies.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nun liegen da in Hamburg 250 000 Seiten Wikileaks-Enthüllungen herum, ein paar Schnipsel davon haben die Welt erschüttert und können in die Ablage. Aber wie geht es jetzt weiter? Man könnte mit der Auswertung des übrig gebliebenen Materials für die nächsten Jahre ein eigenes gedrucktes Magazin füllen, und auch das sehr saugfähige Internet braucht seine Zeit, um all diese Informationen aufzunehmen über Amerika und wie es die Welt sieht. Also kleckert jetzt täglich irgendwas rein, der Aufwand muss sich ja auszahlen.

Eine nicht ganz unwichtige Frage allerdings lautet: Was liegt da überhaupt noch? Die letzte Enthüllung betraf Bruno. Jenen Bären, dem wir die Stoiber’sche Systematik mit dem sich normal verhaltenden Bären, dem Schadbären und dem Problembären verdanken. Bruno galt als Problembär, wurde 2006 nach langer Jagd am Spitzingsee niedergeschossen und lebte dennoch in zahllosen Leitartikeln weiter, die viel Tief- und noch mehr Unsinniges über das moderne Deutschland und sein Verhältnis zur ungezähmten Natur enthielten. Diplomaten sind auch nur Menschen. Sie genießen es, einfach mal ein wenig Büroarbeit zu leisten, und so kam es dazu, dass auch diese Leitartikel irgendwann inhaltlich zusammengefasst und nach Amerika geschickt wurden. Okay. Aber müssen wir das jetzt alles hochgewürgt noch einmal lesen? Es sind gewisse Befürchtungen angebracht.

Knut, der Berliner Kuschelbär, feiert zum Beispiel gerade seinen vierten Geburtstag. Der US-Botschaft kann unmöglich entgangen sein, wie er zahllose Kommentatoren dazu stimulierte, über die Deutschen und ihr Verhältnis zur gezähmten Natur, über ihr Kuschelbedürfnis und die Bedeutung der Niedlichkeit in Zeiten zunehmender Verrohung zu sinnieren. Darüber gibt es bei Wikileaks bestimmt eine dicke Akte, die spätestens zum 5. Geburtstag mit viel Getöse geöffnet wird.

Dies ist übrigens die Zeit der Jahresrückblicke. Ein zentrales Thema wird es sein, darauf zurückzuschauen, wie US-Diplomaten auf die Welt geschaut haben. Darüber werden weitere US-Diplomaten Depeschen verfassen, die wenig später durchsickern, von Wikileaks veröffentlicht und, von qualifizierten Journalisten aufbereitet, wieder in den Medienkreislauf gestopft … Es kann einem ziemlich schwummrig werden.

Wir müssen uns ein wenig um die Realität sorgen. Sie wird es schwer haben, durchzudringen gegen so viel Recycling.

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