Matthies meint : Es ist ja nicht alles Müll

Die Bundesregierung will die Abfallwirtschaft modernisieren. Bernd Matthies entdeckt aber schon jetzt einige grundsätzliche Denkfehler im Röttgen-System.

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An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren Bechern umgehen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Henning Onken
27.07.2017 09:09An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren...

Alten Kram soll man nicht einfach wegschmeißen. Das ist eine nachvollziehbare, vernünftige Grundeinstellung, die schon in der DDR bekannt war und dort zum „Sero“ führte. Wir im Westen hatten das Rezüzling, das sich irgendwie gesamtdeutsch etabliert hat, obwohl es schwerer auszusprechen ist – wir erkennen daran wieder die Skrupellosigkeit des kapitalistischen Systems, das sich ja auch über Trabbi und Broiler hinweggesetzt hat.

Das Grundprinzip der aktuell gültigen Müllverwertung besteht bekanntlich darin, dass wir unseren Müll sorgfältig trennen, bevor er dann abtransportiert, wieder zusammengeworfen und gemeinsam verbrannt wird. Minister Röttgen, der für die Umwelt das ist, was früher in der Schule der Typ war, der dem Lehrer immer das Klassenbuch gebracht hat, jener Minister also möchte dies jetzt noch ein wenig differenzierter handhaben und führt nun bis 2015 ein, dass Biomüll, Papier, Metall, Kunststoff und Glas flächendeckend getrennt gesammelt werden müssen.

Komischerweise sind jetzt außer den Regierungsparteien alle dagegen. Das liegt vermutlich daran, dass die Differenzierung in nur fünf Grundstoffe der Realität des täglichen Lebens nicht gerecht wird. Alte Socken beispielsweise können zwar als Biomüll betrachtet werden, aber nur ungewaschen. Sind sie hingegen sauber und lochfrei, gehören sie in die Altkleidersammlung, die im Röttgen-System gar nicht vorkommt. Dann werden sie nämlich im Container nach Afrika geliefert und erst dort verbrannt.

Große Probleme ergeben sich noch aus sogenannten Verbundstoffen, beispielsweise Gurken im Glas, in Zeitungspapier eingewickelten Heringen oder kunststoffbeschichteten Schildkröten. Sie müssen vor dem Einwurf in die jeweilige Wertstofftonne getrennt werden. Zu diesem Zweck stellt die Deutsche Umwelthilfe bis 2020 sogenannte Wertstoffwarte und -innen bereit, je einen pro fünf Tonnen. Diese Experten haben die Aufgabe, zwischen 7 und 22 Uhr jeden zum Einwurf vorgesehenen Wertstoff zu untersuchen und Fehleinwürfe zu ahnden. Verstöße werden mit Pflichtkursen im Stoßlüften und Arrest in Umwelt-Zellen mit permanent flackernden Energiesparlampen bestraft.

Die weiteren Schritte sind absehbar. Die Erfassung von Altmetall in getrennten Tonnen für Kupfer, Alu, Edelstahl und Plutonium dürfte ein weiterer Schritt sein, der in jeder größeren Einbauküche realisiert werden kann. Und bitte: Ein alter Tagesspiegel hat auch Besseres verdient, als mit Einwickelpapier und alten Möbelkatalogen gemeinsam vernichtet zu werden.

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