Matthies meint : Heimweh nach dem deutschen Wald

Am Ende ist es dumm gelaufen für Erich Honecker. Während sein alter Kumpel Erich Mielke wenigstens noch geloben konnte, dass er uns doch alle liebt, ist von ihm selbst wenig späte Lyrik überliefert, nichts, was Eingang finden könnte in Sammelwerke zeitgenössischer Aphoristik oder doch wenigstens auf Abreißkalender. Der Mann hat seinen Abgang einfach verstolpert.

Aber! Drüben in Chile sitzt seine Gemahlin Margot, für 84 noch sehr flott beieinander, Sonnenbrille überm weißen Haupthaar, untergebracht in einer Villa, die den Abschied von Wandlitz verschmerzen lässt. Wer zu den Verlierern der Geschichte gehört, den kann es schlimmer treffen; sie beklagt das Heimweh nach dem deutschen Wald mit seinen Pilzen, eine milde Strafe auch nach nicht stalinistischer Rechtspraxis.

Doch es geht ja um Erich Honecker, der uns nun auf dem Umweg über seine Frau mit einem Tagebuch beglückt. Der Berliner Verleger Frank Schumann hat es aus Santiago mitgebracht und wird es demnächst veröffentlichen. Muss nun die Geschichte der DDR umgeschrieben werden? Werden sich die „Lügen, Fälschungen und Verleumdungen“ (M.H.) hinsichtlich der DDR in Luft auflösen, werden wir den großen Staatsratsvorsitzenden posthum in die Galerie der Berliner Ehrenbürger aufnehmen und die Frankfurter Allee mal wieder umbenennen müssen?

Details bleiben, wie man in solchen Fällen gern sagt, abzuwarten.

Zumal es sich bei der schmalen Kladde nur um ein Tagebuch aus der Moabiter U-Haft handelt, also ein Dokument nachträglicher Reflexion, womöglich ein Dokument des Haderns mit dem Schicksal, das aus einem Riesenstaatsmann einen Dödel mit Hut machte. Enthüllungen vom Kaliber der Hitler-Tagebücher sind nicht zu erwarten, niemand wird uns in die Büros der Mauerplaner zurückführen, niemand wird Honecker nach mehr Beton und Stacheldraht rufen hören.

Margot Honecker, das ist sicher, wird das Echo aufmerksam verfolgen. Denn wie wir dem „Berliner Kurier“ entnehmen, surft sie täglich fünf bis sechs Stunden im Internet, um sich über Deutschland zu informieren, das ist mehr, als die meisten Deutschen hinbekommen. Von Facebook hält sie sich übrigens fern; dort gibt es zwar eine Margot Honecker, aber sie gibt nichts von sich preis, hat nur 26 Freunde. Der echte Erich („hat bei Deutsche Demokratische Republik gearbeitet“) bringt es gegenwärtig sogar nur auf zwei. Ob sich das bald ändert?

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