Meinung : Matthies meint: Nach dem Ballermann

Was wissen wir heute schon noch wirklich über die anderen Leute? Sind die in den dicken Autos richtige Millionäre oder nur richtige Sozialhilfebetrüger? Spielen die Musiker im Tunnel für ein paar Mark zum Leben, oder einfach nur, weil die Akustik da unten so toll ist? Es empfiehlt sich, von Vorurteilen Abstand zu nehmen, denn der Clochard unter der Brücke könnte Ihr Chef sein. Unsinn? Nicht, wenn sich die Idee durchsetzt, die jetzt aus Amsterdam zu uns herüber dringt. Dort hat ein Reiseunternehmen die "City-Survival-Tour" ins Angebot genommen: Drei Tage obdachlos in einer europäischen Metropole nach Wahl. Für etwa 900 Mark gibt es eine garantierte Schlafstelle beispielsweise unter einer Seine-Brücke, dazu eine Gitarre oder Blockflöte zum Erspielen des Lebensunterhalts und anschließend eine Erholungsnacht im Luxushotel. Ob auch eine Buddel Wermut drin ist? Kosmetische Beratung? Ein gewisser Widersinn ist offensichtlich: Zahlen wir künftig Geld dafür, dass wir keins mehr brauchen wollen? Kann nicht jeder, ob reich oder arm, auch ohne Reiseveranstalter unter jeder beliebigen Brücke übernachten? Aus Berliner Sicht müssen wir mit einem neuen Phänomen rechnen: Dem Touristen, der uns eine Obdachlosenzeitung mit den Worten anhängen will: "Guten Tag, mein Name ist Lars, und ich habe gerade 900 Mark dafür bezahlt, dass ich Sie hier anbetteln darf." Ja, auch in der Post-Ballermann-Zeit gibt es noch kreativen Tourismus.

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