Matthies meint : Reichstag wird Weihestätte

Irgendwas machen wir sicher richtig – nur unsere Politiker sind stets um Legitimation bemüht. Dass dafür ein millionenschweres Besucherzentrum am Reichstag nötig ist, bezweifelt unser Kolumnist Bernd Matthies.

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Man wird ja wohl noch träumen dürfen: Bis zu 500 Millionen Euro könnte das neue Informationszentrum im Reichstag kosten.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen: Bis zu 500 Millionen Euro könnte das neue Informationszentrum im Reichstag kosten.Foto: dpa

Eigentlich könnten wir mit unserer Demokratie relativ zufrieden sein. Wenn wir mal die üblichen Verschwörungstheorien und das Politiker-sind-alle-Verbrecher-Gedröhne dem Stammtisch überlassen, bleibt eine ganze Menge Substanz übrig. Außer Neuseeland, Australien, der Schweiz und Dänemark gibt es nicht viele Länder, die den Appetit aufs Auswandern anregen, und neuerdings werden bei islamistischen Demos sogar deutsche Flaggen massakriert – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir irgendwas richtig machen.

Nur: Unsere Politiker trauen der Lage nicht so richtig. Unentwegt kämpfen sie mit Löwenmut für ihre Legitimität, als käme sonst sogleich der Kaiser zurück, sie wollen die Demokratie immer gleich komplett erklären, wollen uns Überhangmandat und Fünf-Prozent-Hürde eintrichtern, als sei gelegentliches Nichtwissen gleich verfassungsgefährdend. Aus dem ohnehin schon überlaufenen Reichstag soll deshalb eine Weihestätte gemacht werden, eine Mischung aus Louvre und Capitol – der Ältestenrat des Hohen Hauses berät in dieser Woche.

Die Schätzungen für den Preis des neuen, zweistöckig unterirdischen Besucherzentrums unter dem Platz der Republik laufen noch ein wenig auseinander, die einen sprechen von 200, die anderen von 500 Millionen, das sind nach den Regeln der so genannten Berliner Baukostenkalkulation am Ende real rund 1,3 Milliarden Euro. Eine Art Terminal von Flughafengröße wird das, genau so sicher, nur ohne Landebahnen. Und eingebuddelt.

Lassen wir mal dahingestellt, dass so etwas in Berlin und unter hiesiger Aufsicht sowieso nicht fertig wird, weil das Brandschutzkonzept nicht funktioniert. Denn der Bund plant und zahlt das ja gern allein – aber von welchem Geld eigentlich? Gibt es ein Kickback von den Griechen? Müssen wir alle ein wenig zusammenlegen, einen Demokratie-Aufschlag auf den Strompreis zahlen oder die Sammelbüchse herumgehen lassen, weil sonst der Staat, unverstanden von den Bürgern, seinen Feinden anheimfällt?

Himmel, warum soll ein Staat keine Träume haben? Auch ein Hartz-IV-Empfänger darf ja völlig unbehelligt von Kritik und Konsequenzen mal durchrechnen, was ihn eine Villa in Dahlem monatlich so kosten würde. Die Probleme beginnen erst dann, wenn er sie tatsächlich kauft. Es gibt übrigens auch noch den alten, relativ einfachen Plan eines Bürgerforums zwischen Kanzleramt und Bundestagsbauten. Aber dessen Preis ist dem Hohen Haus anscheinend irgendwie zu niedrig.

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