Meinung : Matthies meint: Was die Bibel verschweigt

Alte Kulturformen stehen heute ja praktisch unter Denkmalschutz. Maibaumaufrichten, Klöppeln, Ofensetzen - das sehen wir gern im Zeitalter des globalen Modernisierungsdrucks. Eine andere alte althergebrachte Sitte, die Todesstrafe, ist dagegen in der öffentlichen Meinung ins Hintertreffen geraten, wenn man sich auch in den USA und China sehr bemüht, in dieser heiklen Frage wieder ein Stück weit Normalität zu wagen. Vermutlich fehlt es einfach an den schlagenden Argumenten, die auch den skeptischen Europäer von den Vorzügen der Exekution überzeugen könnten. Der orthodoxe Metropolit von Smolensk, eine Art Außenminister seiner Kirche, hat das jetzt geändert: Er findet, dass die Todesstrafe in seinem Land bleiben müsse, weil die Gesellschaft auf eine Änderung nicht vorbereitet sei, und überhaupt werde sie in der Bibel nirgendwo richtig verboten. Wir haben nachgesehen, und wirklich: im Register kein Wort, nicht einmal die allgemeine Deklaration der Menschenrechte kommt vor. Die Bibel-Autoren schreiben auch kein Wort über Computerbetrug und Insidergeschäfte, und selbst der Umgang mit Parteispenden ist ihnen völlig schnurz. Die Konsequenz: alles legal. Wenn wir es recht bedenken, wäre unsere Gesellschaft auch auf die Abschaffung all dieser Dinge überhaupt nicht vorbereitet.

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