Meinung : Maus statt Mensch

Viele Tierversuche lassen sich ersetzen – einige bleiben unverzichtbar

Hartmut Wewetzer

Früher mussten Kaninchen sterben, damit Menschen nicht krank wurden. Den Tieren wurden Medikamente gespritzt. Waren die Produkte verunreinigt, etwa durch Bakterien, bekamen die Kaninchen Fieber. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Zumindest für die Menschen. Inzwischen haben Forscher einen Bluttest als Alternative entwickelt. Er ist vielseitiger und preiswerter als die Prüfung an Kaninchen. Und er wird 200000 Kaninchen die Fieberspritze ersparen.

Ersatzverfahren für Tierversuche gewinnen mehr und mehr an Boden. Inzwischen ist es möglich, Arzneimittel und Kosmetika auf ätzende Wirkungen zu untersuchen, ohne dass ein einziges Tier „verbraucht“ wird. Auch können erbgutverändernde Wirkungen von Arzneimitteln mit Hilfe von Stammzellen geprüft werden. Mittlerweile sind mehrere Verfahren international zugelassen, die Tierversuche ersetzen helfen. In dieser Woche treffen sich in Berlin rund tausend Wissenschaftler zu einem Weltkongress für Alternativen zum Tierversuch. Auch das zeigt, dass sich eine Menge getan hat – wenn auch noch nicht genug.

Verbraucher, Industrie, Wissenschaft, Tierschützer – eigentlich ziehen alle Beteiligten an einem Strang. Denn niemand macht gern Tierversuche. Sie sind allenfalls ein notwendiges Übel, um den Verbraucherschutz so weit als möglich zu garantieren. Sicherheit für den Menschen hat ihren Preis. Doch der wird immer kleiner. Die Zahl der Versuchstiere ist über die Jahre gesunken, sie halbierte sich von 2,4 Millionen im Jahr 1991 auf 1,2 Millionen (2003).

Dennoch sind Tierversuche ein Reizthema, vor allem, wenn es um Hunde, Katzen oder gar Affen geht. Viele Tierschützer lehnen Experimente an höher entwickelten Wirbeltieren ab. Zudem verweisen Kritiker darauf, dass in der Grundlagenforschung, entgegen dem allgemeinen Trend, eher mehr als weniger Tiere verbraucht werden. Wenn auch ganz überwiegend Mäuse, Ratten und Fische. Ist das zu vertreten?

In vielen Bereichen der Forschung, vor allem in der Medizin, werden Tierexperimente nur schwer zu ersetzen sein, anders als routinemäßige Sicherheitstests von Arzneimitteln und Kosmetika. Das liegt daran, dass die Wissenschaftler über das Experiment am Tier wesentlich mehr Erkenntnisse gewinnen können als über Tests im Reagenzglas.

Wenn zum Beispiel eine Substanz in der Petrischale Krebszellen zerstört, kann das ein wichtiger Hinweis auf ein medizinisches Potenzial dieses Stoffes sein. Aber es wäre viel zu riskant, ihn direkt am Menschen zu testen. Nur der Versuch am Tier kann Klarheit darüber bringen, ob die Substanz wirklich das Zeug zur Arznei hat. Natürlich kann es immer noch sein, dass sich ein potenzielles Medikament beim Menschen völlig anders auswirkt als beim Nagetier. Aber die Erfahrung lehrt, dass der Tierversuch unabdingbar ist. Er gibt nicht nur Hinweise auf erwünschte, sondern auch auf unerwünschte Wirkungen. Viele bei Reagenzglasversuchen geweckte Hoffnungen auf Heilmittel haben sich im Tierversuch zerschlagen. Und Menschen wurden so vor wirkungslosen oder gefährlichen Therapien geschützt.

Allerdings gibt es auch wissenschaftliche Experimente, in denen der reine Erkenntnisgewinn im Vordergrund steht. Etwa, wenn es um die Frage geht, was einzelne Erbanlagen im Körper bewirken. Zwar ist davon kein unmittelbarer medizinischer Nutzen für den Menschen zu erwarten. Aber auf lange Sicht kann diese Forschung wichtig sein, ja sogar Tierversuche vermeiden helfen. Die Wissenschaftler sollten deshalb den Mut haben, ihre Arbeit öffentlich zu verteidigen – vorausgesetzt, sie haben gute Gründe dafür. Und vorausgesetzt, dass nicht schon ein Verfahren existiert, mit dem die gleichen Erkenntnisse gewonnen werden können. Ohne Tierversuch.

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