Meinung : Mazedonien: Das Doppelgesicht der Autonomie

Christoph von Marschall

Es ist die übliche Lesart des Konflikts in Mazedonien. Die Albaner, die ein Viertel der Bevölkerung stellen, sind eine unterdrückte Minderheit. Nur deshalb konnte die Untergrundarmee UCK, die die albanischen Siedlungsgebiete mit dem benachbarten Kosovo vereinen möchte, Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Frieden werde es nur geben, wenn die berechtigten Autonomieforderungen erfüllt werden: albanische Amtssprache, albanische Polizei, eigene Verwaltung - und das alles jedenfalls in den Albaner-Regionen. Besser noch: Albanisch als zweite Amtssprache im ganzen Land.

Politisch klingt das einleuchtend. Die Minderheit soll für den gemeinsamen Staat gewonnen werden. Das Leben in Mazedonien soll für sie attraktiver sein als der Separatismus. Aber stärkt es wirklich das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn Albanisch in manchen Landesteilen de facto vor das Mazedonische tritt, wenn nun umgekehrt die mazedonischen Mitbürger sich wie eine Minderheit in diesen Regionen empfinden und sich weder von der Verwaltung noch von der (künftig albanischen) Polizei vertreten fühlen?

Die Verhandlungen sind produktiver geworden. Nach einigen Tagen Klausur am Ohrid-See konnte man eine erste Einigung verkünden: Albanisch soll zweite Amtssprache in den Gebieten werden, in denen die Albaner mindestens 20 Prozent stellen. Auch im nationalen Parlament werde Albanisch zugelassen. Nicht aber in der Regierung. Das alles steht unter dem Vorbehalt, dass es auch in anderen Streitfragen zur Einigung kommt.

Ein Vorbild in Europa gibt es für friedliches, ja fruchtbares Zusammenleben mehrerer Völker in einem Staat: die Schweiz. Dort herrscht das Territorialprinzip. Die Sprache der Mehrheit der jeweiligen Region ist Amtssprache. Alle Kinder müssen mindestens eine zweite Staatssprache lernen. In Parlament und Regierung sind alle drei Sprachen zugelassen: Deutsch, Französisch, Italienisch.

Es gibt aber auch ein historisches Beispiel, in dem die Bilanz nicht so eindeutig ist: die österreichisch-ungarische Monarchie. Obwohl die Habsburger mehrheitlich nicht-deutschsprachige Untertanen hatten, war Deutsch (und teilweise Latein) über Jahrhunderte die Verwaltungssprache. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert mit dem Ende des Absolutismus, mit der in immer mehr Lebensbereiche ausgreifenden Staatsverwaltung und mit dem nationalen Erwachen.

Mit den einfachen Bürgern hatten Gerichte und Behörden immer in deren Sprache kommunizieren müssen. In vielen Gegenden mussten die Beamten der untersten Ebene zweisprachig sein. Schrittweise verschob sich diese Sprachgrenze zum Deutschen nach oben. Kronländer mit einer starken Nationalität - etwa die Polen in Galizien - erreichten, dass regional in ihrer Sprache amtiert und nur der Amtsverkehr mit den Zentralbehörden in Wien deutsch abgewickelt wurde. In gemischten Kronländern wie Böhmen und Mähren führte die erbittert ausgetragene Konkurrenz zwischen Deutschen und Tschechen dagegen fast zu einer Lähmung der Verwaltung. Die Autonomie- und Sprachgesetze zogen eine immer stärkere Trennung der nationalen Lebensbereiche nach sich. In den Schulen stritten sich Kommissionen um jedes einzelne Schulkind. Im Ergebnis wuchs der Wunsch, den gemeinsamen Staat aufzulösen.

Gemessen an den Erfahrungen der Schweiz und Habsburgs scheint der Kompromiss für Mazedonien praktikabel zu sein. Und doch wird er mittelfristig der mazedonischen Mehrheit ein größeres Umdenken abverlangen und die albanische Minderheit stärker fördern, als beide heute ahnen. Denn auch das zeigt das Habsburger Beispiel: Karrieremäßig profitieren von solchen Autonomieregelungen immer die Angehörigen der Minderheit. Sie lernen beide Sprachen perfekt. Die Mehrheit dagegen - und dies gilt ganz zweifellos in Mazedonien - will von der Minderheitssprache wenig wissen, kann also die Jobs nicht bekommen, in denen Zweisprachigkeit verlangt wird.

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