Meinung : Mazedonien: Das Protektorat

Christoph von Marschall

Wie verhindert man Krieg auf dem Balkan? Ginge es nach der Erfolgsbilanz, müsste man in Mazedonien nachfragen: der einzigen Teilrepublik Ex-Jugoslawiens, die sich aus den Kriegen um Zerfall und Grenzen heraushalten konnte. Doch nun wächst in Mazedonien die Gefahr - obwohl Slobodan Milosevic, der Hauptschuldige an den Kämpfen von Slowenien und Kroatien über Bosnien bis Kosovo gestürzt ist.

Nato und Europäische Union zweifeln daran, dass die mazedonische Regierung auch heute das richtige Rezept hat. Skopje will den Separatisten militärisch entgegentreten. Bloß keine Eskalation, warnen Nato und EU; politisch müsse der Konflikt mit der großen albanischen Minderheit gelöst werden, durch einen besseren Status in der Verfassung.

Die Erfahrungen der Prävention helfen leider wenig. Der Krieg, der Mazedonien jetzt droht, ist ein völlig anderer als jener, der seit 1991 verhindert wurde. Den Angriff von außen durch Milosevics Truppen haben die USA verhindert - durch Abschreckung: Beim Abzug aus Berlin verlegten sie einen Teil ihrer Berlin-Brigade nach Mazedonien. Mit Amerika wollte sich Milosevic nicht direkt anlegen.

Heute steht die kleine Republik vor einem Bürgerkrieg. Partisanen der Kosovo-Befreiungsarmee UCK, die den Anschluss der albanischen Siedlungsgebiete in Mazedonien erzwingen wollen, dringen über die bergige, schwer kontrollierbare Grenze und beschießen Städte - der Zündsatz für den Bürgerkrieg zwischen den slawischen und den albanischen Mazedoniern, die sich politisch benachteiligt sehen. Je härter Mazedoniens Armee die UCK bekämpft und dabei unvermeidbar albanische Dörfer in Mitleidenschaft zieht, desto größer wird der Hass der albanischen Minderheit auf die mazedonische Mehrheit. Genau das will die UCK erreichen.

Deshalb fordern Nato und EU: bloß keine militärische Eskalation. Skopje dagegen sagt: Appeasement beeindruckt niemanden auf dem Balkan. Wenn wir die UCK nicht bekämpfen, fühlt sie sich noch ermuntert. Gegensätzliche Strategien nach unterschiedlichen Erfahrungen. Frieden ist für EU-Europa die Geschichte der Integration sowie des politischen Ausgleichs im Westen - und, was den Ostblock angeht, der Entspannungspolitik. Auf dem Balkan denkt man, Frieden könne nur erhalten werden, wenn man den Friedensstörern energisch entgegentritt. Eben weil das nicht rechtzeitig und ausreichend geschah, fühlte sich Milosevic ermutigt zu seinen Vertreibungskriegen im Dienste Großserbiens. Bis auf Mazedonien, wo US-Truppen Milosevic glaubwürdig abschreckten.

Beide haben Recht. Militärische Auseinandersetzungen mit der UCK in den Albanergebieten werden die Lage verschlimmern - und wenig helfen. Das ist auf dem Balkan nicht anders als in Tschetschenien: Militärisch kann man gewalttätige Seperatisten in diesem Gelände kaum besiegen. Aber es stimmt auch, dass großzügige Autonomierechte für die albanische Minderheit in Mazedonien die UCK nicht davon abhalten werden, ihre Großalbanienträume weiter zu verfolgen.

Der entscheidende Kampf ist der um die Sympathien der albanischen Minderheit. Nur wenn sie daran glaubt, dass es ihr in Mazedonien besser geht als in Groß-Kosovo, und wenn sie der UCK den Boden entzieht, lässt sich der Krieg - vielleicht - noch verhindern. Skopje werden sie das nicht mehr glauben, die Regierung hat das Vertrauen durch Lavieren und Korruptionsaffären verspielt.

Nato und EU müssen sich engagieren, müssen den Ausgleich mit den Albanern erzwingen und die Militäraktionen mäßigen - als wäre Mazedonien ihr Protektorat. Tun sie es nicht, bricht der Bürgerkrieg aus, dann wird Mazedonien bald offiziell ihr Protektorat. Keinem der Kriege auf dem Balkan hat der Westen auf Dauer untätig zusehen können.

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