Meinung : Mechanikerin für die Seele

Von Moritz Schuller

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Die Briten haben ein großes Steckenpferd, die Suche nach der Seele der Deutschen. Das Projekt ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Als Margaret Thatcher kurz nach dem Mauerfall auf einem hochrangig besetzten Geheimseminar die Frage „Wer sind die Deutschen?“ diskutieren ließ, kam nicht viel Nettes dabei heraus, das Volk sei selbstgefällig und sentimental, voller Angst und Aggressivität; im Protokoll wurde gleichwohl vermerkt, man solle doch „nett zu den Deutschen sein“. Das Resümee damals: Sie sind die Alten geblieben.

Auch die Briten verstanden das damals lediglich als vorläufiges Psychogramm dieser Nation und so muss die Suche weitergehen: Britische Boulevardblätter berichten in diesen Tagen, dass die Deutschen von der Queen forderten, sie solle sich bei ihrem Staatsbesuch kommenden Woche für britische Kriegsverbrechen entschuldigen. Die Arbeitshypothese diesmal: Die Deutschen hätten den Briten die Zerstörung Dresdens und Hamburgs durch die Brandbomben der Royal Air Force nicht verziehen. Die Antwort: „Sorry, aber den Deutschen darf niemals erlaubt werden, ihre böse Vergangenheit zu vergessen.“

Die Forderung hatte in Deutschland zwar noch niemand erhoben, aber möglicherweise verstehen die britischen Krawalljournalisten uns besser als wir: Vielleicht wünschen wir uns eine Entschuldigung für das, was damals passiert ist – wagen es aber nicht offen zu fordern. Die deutsche Seele ist schließlich eine komplizierte Sache, und wäre für eine solche Geste der Königin sicher sehr empfänglich. „Don’t mention the war“, gegenüber den Deutschen soll man den Krieg nicht erwähnen, das weiß jeder Brite. Doch würde Queen Elizabeth, die während des Krieges zur Automechanikerin ausgebildet wurde, sich als versöhnende Seelenklempnerin versuchen, die Deutschen würde sicher eine Ausnahme machen.

Vielleicht sagt aber die Empörung über eine Forderung, die nie erhoben wurde, mehr über die britische Seele aus. Sigmund Freud, seit 1935 Ehrenmitglied der British Royal Society of Medicine, führte den Begriff der Übertragung in die vertrackte Beziehung zwischen Analytiker und Analysand ein. Vielleicht kommt hier Verwunderung zum Ausdruck, dass die Forderung nicht erhoben wird; vielleicht ist das Gedröhne der Tabloids diesmal Ausdruck eines schlechten Gewissens. Vielleicht haben sich die Briten Dresden selbst noch nicht verziehen. Wir sollten einmal ein Seminar zum Thema „Wer sind die Briten?“ veranstalten.

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