Medien-Schelte : Journalisten machen auch nur ihren Job

Immer wieder ist zu lesen, dass "die Medien" den Christian Wulff doch endlich mal "in Ruhe lassen" sollten. Matthias Kalle erklärt, warum die Journalisten das nicht tun werden.

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Matthias Kalle
Matthias KalleFoto: privat

Ich lese jetzt auch überall, dass es Männern um die 30 nicht so gut geht, dabei hatte ich doch vor zwei Wochen an dieser Stelle geschrieben, dass dieses Jahr dem Mann an sich gehören würde – gibt es da einen Zusammenhang? Die Texte über den 30-jährigen Mann stammen von Frauen und Männern um die 30, ich bin ja etwas älter, 36, ich habe keine Ahnung mehr vom 30-jährigen Mann, eigentlich interessiert mich der 30-jährige Mann auch seit sechs Jahren nicht mehr.

Vor neun Jahren habe ich ein Buch geschrieben, damals war ich? Richtig, 27, und es ging in dem Buch vor allem darüber, dass es 27-jährigen Männern nicht so gut geht, das wollten damals aber weniger Menschen lesen, als ich mir das beim Schreiben gedacht habe, dabei ist das Buch gar nicht so schlecht.

Und diesen Vorwurf höre ich schon länger überall: „Worüber schreiben die denn immer, die mit dem Schreiben ihr Geld verdienen – nur über sich selbst?“ Ja. Auch. Über sich selbst und über Christian Wulff, aber seit Schreiber, Journalisten vor allem, über Christian Wulff schreiben, liest man in den Leserkommentaren oft, dass die „Medien“ diesen Mann doch jetzt so langsam mal in Ruhe lassen könnten. Überhaupt: Es gibt Medienhetze und es gibt Themen, die von den Medien angeblich totgeschwiegen werden würden, weshalb man den Medien aus Prinzip nicht trauen dürfe. Eine These geht so: Thilo Sarrazins Buch wäre niemals ein so großer Erfolg geworden, wenn die Medien ihrer eigentlichen Pflicht nachgekommen wären, und ohne linksliberale Brille über Ausländer berichtet hätten. Die Medien seien außerdem daran Schuld, dass Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktreten musste. Hätten wir den Mann nicht einfach in Ruhe lassen können?

Kann man uns eigentlich nicht einfach in Ruhe lassen? Damit wir unseren Job erledigen? Denn tatsächlich sind die meisten Menschen, die in den so genannten Medien arbeiten, Profis, Menschen also, die diesen Job einmal gelernt. Menschen, die wissen, was sie tun. Aber der Profi trifft oft auf Widerstand, weil der Laie denkt, er könne alles besser – es müsste eigentlich keine Profis geben, außer vielleicht im Fußball und im Bereich des Kapitalverbrechens. Architekten kennen das Problem auch, wenn sie ein Haus entwerfen und die Frau des Bauherren meint, sie wüsste besser, wo die Fenster hingehören. Patienten kommen schon mit einer Eigendiagnose zum Arzt, Hobbyköche gehen zum Nörgeln ins Sternerestaurant.

Kennen Sie den Kopp-Verlag? Nein? Das ist gut, aber schauen Sie sich trotzdem mal dessen Internetseite an. Der Kopp Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, darüber zu berichten, was die „Medien verschweigen“ oder gegebenenfalls darauf hinzuweisen, wenn Journalisten lügen. Eva Herman arbeitet für den Kopp Verlag. Oder Udo Ulfkotte. Der schreibt am Freitag auf der Onlineseite einen Text mit der Überschrift „Deutschland? Ein Land stürzt ab“ und in der Unterzeile heißt es: „Wieder einmal präsentieren wir Ihnen  Nachrichten, die bei anderen untergehen. So wie das Land, in dem wir leben müssen.“ Und was das aber für Nachrichten sind! Dass der Berliner Hauptbahnhof saniert werden muss; dass es Probleme bei Airbus-Flugzeugen gibt. Irre, oder? Das stand wirklich fast nirgendwo, außer in so ziemlich allen seriösen Medien, obwohl die doch die Wahrheiten verschweigen.

Ich verrate hier mal was: Die Medien verschweigen kaum etwas, vor allem nicht die Wahrheit. Es gibt auch kein Geheimwissen, das Journalisten für sich behalten, weil dieses Wissen sonst die öffentliche Ordnung gefährdet. Es gibt auch keinen Kampagnenjournalismus, keine Chefredakteursverschwörungen und keine Agenda, nach denen Journalisten eine Welt herbei schreiben würden, die es gar nicht gibt.

Am Freitagabend muss ich für den Tagesspiegel die RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gucken. Ich schau mir das an, danach schreibe ich auf, was ich gesehen habe. Komischer Job, oder? Aber einer muss ihn ja machen.

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