Medien : Wo das Echte zählt

Aufregung um einen Video-Blog: Im Internet gilt der Experte wenig, der Authentische viel.

Harald Martenstein

Der Feuilleton-Chef der „Zeit“, Jens Jessen, hat mit einem Text eine Menge Reaktionen hervorgerufen, meist empörte, und eine Debatte in Gang gesetzt, mit Beiträgen in „Bild“, „FAZ“ und „Spiegel“. In Jessens Text ging es um besserwisserische deutsche Rentner, aber das soll hier nicht Thema sein. Wichtiger als rasch auf- und abschwellende Empörungsbeulen sind Strukturveränderungen, und im Moment findet zweifellos eine Strukturveränderung der Medien statt. Jessen hatte seinen Text nicht etwa in der „Zeit“ geschrieben, sondern in seinem noch recht neuen Video-Blog im Internet frei gesprochen.

Neben dem Gedruckten, neben Radio und Fernsehen ist das Internet inzwischen eine Art vierte Säule des Journalismus, mit der Kraft, Themen zu setzen und Karrieren zu steuern. Wenn bekannte Autoren wie Jessen oder der „Spiegel“-Redakteur Matthias Matussek im Internet über was auch immer reden, dann tun sie natürlich etwas Ähnliches wie der Moderator Hape Kerkeling, der seinen Bekanntheitsgrad als Fernsehgesicht im Medium Sachbuch zweitverwendet. Aber es funktioniert mittlerweile auch in umgekehrter Richtung. Katrin Bauernfeind hat es aus dem Internet in die Moderation des Fernsehmagazins „Polylux“ getragen, Mathias Müller von Blumencron in die Chefredaktion des „Spiegel“, und gerade erst hat eine Fachjury für ein Medienmagazin, „Medium“, den Blogger Stefan Niggemeier zum „Journalisten des Jahres“ ausgerufen. Die Preisträger vor Niggemeier hießen Frank Schirrmacher und Alice Schwarzer.

Was ändert sich? Das Internet senkt, in verschiedener Hinsicht, Schwellen. Der Blogger, der zu Hause oder am Schreibtisch, relativ entspannt und frei formulierend etwas erzählt, rückt den Zuschauern näher als ein Zeitungsautor, näher auch als ein inszenierter Fernsehauftritt. Übrigens kann man das gesprochene Wort hinterher nicht noch einmal durchlesen, um etwas umzuformulieren. Im Internet stehen weder Rundfunkräte noch Chefredakteure Wache. Es herrscht dort noch weitgehende Anarchie, wobei die Erfahrung allerdings lehrt, dass Phasen der Anarchie nicht ewig dauern. Umgekehrt sind, durch den Schutz der Anonymität, den das Internet verschafft, auch für das Publikum gewisse Schleusen geöffnet. Jessen wurde mit Verwünschungen überschüttet, wie man sie in Briefform oder am Telefon zum Glück nur selten erlebt.

Ein neues Medium hat nur dann Sinn, wenn es neue Möglichkeiten schafft. Im Internet sagt man Dinge, die man vielleicht nicht schreiben würde. Das Öffentliche wird also noch privater. Die Medien handeln immer weniger mit Nachrichten, denn die leichte Zugänglichkeit der Nachricht im Internet hat sie als Ware stark entwertet. Stattdessen wird mit Ideen und Gesichtern gehandelt. Leitfigur ist nicht mehr der „Experte“, der mit seiner Sachkunde für sich einnimmt, sondern der „Authentische“, der überzeugend in seiner Rolle aufgeht (das kann auch eine unsympathische Rolle sein). So unterschiedliche Karrieren wie die von Barack Obama, von Günther Jauch und von Karl Lagerfeld beruhen zu einem Teil darauf, dass sie als Personen „echt“ wirken. Diese Tendenz wird vom Internet, dem Medium der Intimität, verstärkt. Sie ist nicht zwangsläufig schlecht. Experten irren und lügen oft.

Der Autor dieses Textes betreibt übrigens einen Video-Blog. Nicht, dass einen so etwas gleich zum Experten machen würde.

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