Mediengesellschaft : Tabuisieren durch Transparenz

Ob Kinderpornos oder Nazi-Zeitungen: Der Kampf dagegen muss öffentlich geführt werden. Denn Öffentlichkeit macht die Nazis klein, Öffentlichkeit dämmt den Missbrauch von Kindern ein.

Joachim Huber

Möglich ist das. Der Sohn zieht sich im Internet die besten Stellen aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ rein, während sich der Vater am Zweit-PC kinderpornografische Motive hochlädt. Als Folge solcher Möglichkeiten rennen Alt- und Neonazis und Pädophile durchs Land. Nun rennen sie nicht durch irgendein Land, sondern durch Deutschland. Hier leben die Enkel der Nazi-Mörder und die Onkel der Pädophilie-Opfer.

Nimmt man beide und beides zusammen, reagiert der Staat – also wir – mit einer „Wegschließpolitik“: Der Freistaat Bayern hat als Inhaber der Urheberrechte für „Mein Kampf“ und geistesverwandtes Schrifttum wie das Hetzblatt „Völkischer Beobachter“ radikal gehandelt und jeden Wiederabdruck verboten. Jetzt hat das Landgericht München dem Freistaat dekretiert, dass über die Verlagsrechte dem ambitionierten Projekt der „Zeitungszeugen“ – dort werden NS- Blätter kommentiert nachgedruckt – nur begrenzt beizukommen ist. Urheberrechte sind endlich, für „Mein Kampf“ erlöschen sie 2015. Der Nationalsozialismus ist nicht endlich. Mit dem Selbstverständnis einer gewachsenen und erwachsenen Demokratie muss der Kampf gegen „Mein Kampf“ und den „Angriff“ so stetig wie offen geführt werden. Tabuisieren durch Transparenz, „Bruder Hitler“ kenntlich machen bis zum Erkennen des Menschenfeindes – nur dieser Weg ist einer offenen Mediengesellschaft angemessen. Sich wehren heißt wissen (machen), wer das nicht will, der sollte Guido Knopp nie wieder erlauben, dass er die NS-Schamanen massenhaft durchs ZDF-Bild laufen lässt.

„Mein Kampf“ schafft keine Opfer, seine Fans sind Täter. Pädophile sind andere, aber auch Täter, und sie schaffen Opfer. Ein Verbrechen, das auf der Ausbeutung wehrloser Mädchen und Jungen beruht. Befriedigt wird die Sucht vor allem über das Internet, weil Produzenten und Konsumenten sich im globalen Netz sicher fühlen. Jetzt will die Bundesregierung den Zugang zu den Webseiten sperren.

Taugt diese Haltung? „Mein Kampf“ lesen lassen und Kinderpornos nicht sehen lassen? Gerade der dahinter liegende Unterschied macht die Haltung aus. Deutschland ist manisch von Hitler besessen. Positiv besessen, die allergrößte Mehrheit lehnt alles Nazihafte ab. Das war und das ist ein Prozess, den die Medien intensiv befördert haben und befördern.

Pädophile gab es auch vor den Nazis. Aber wie einst bei den Nazis haben hier Medien das einschlägige System mitinstalliert, sind Medien-Missbraucher an den Gewinnen der Suchtbefriedigung beteiligt. Jetzt kommt die Gegenbewegung. Es muss in die Köpfe hineingeschrieben und gesendet werden, dass Pädophilie Vergewaltigung bedeutet. Strafgesetze sind unerlässlich, werden aber nicht gelesen. Medien werden genutzt.

Öffentlichkeit macht die Nazis klein, Öffentlichkeit dämmt den Missbrauch von Kindern ein. Die im Dunkeln sieht man nicht, die im Hellen schon.

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