Medienguerilla : Keinem kann man mehr trauen

Die ARD-Prestigesendung "Polylux" ist vergangene Woche reingelegt worden. Ein angeblicher Drogenkonsument erzählte frei erfunden von seiner Speed-Diät - die Aktion einer linken Medienguerilla. Die Redaktion ist beleidigt - habe die Gruppe doch immer von Berichterstattung profitiert.

Hannes Heine

Es ist ihr immer noch sichtlich peinlich: Tita von Hardenberg, Moderatorin des TV-Magazins "Polylux", wollte in ihrer Sendung am Donnerstagabend deshalb vor allem eines sein: cool. Ja, gibt Hardenberg fast spöttisch zu, die Redaktion sei reingelegt worden. Tim, der 170 Kilo wiegt und täglich die Aufputschdroge Speed zum Abnehmen braucht, gebe es gar nicht. Er ist vielmehr Aktivist der linken "Hedonistischen Internationale". Die Sendung der vergangenen Woche war Ziel der Politgruppe.

Das Anliegen der Medienguerilla: Schlechte Recherche anprangern, denn auch "Polylux" sei Teil des Boulevardjournalismus, erklärte sie in einem Online-Bekennervideo. Die "Hedonistische Internationale" mischt als Spaßguerilla inzwischen immer dann mit, wenn es öffentlichkeitswirksam um eine bessere Welt geht: Ob beim G-8-Protest in Heiligendamm, beim Outing von Neonazi-Kneipen oder Agit-Pop-Aktionen vor Abschiebegefängnissen.

"Polylux" hatte einen Beitrag über die Droge Speed geplant, Kontakt zu dem angeblichen Süchtigen Tim hatte die Redaktion über ein einschlägiges Internetforum bekommen. "Ein Szene-Magazin muss sich seine Protagonisten auch in der Szene suchen", erklärte der zuständige ARD-Rundfunk Berlin-Brandenburg. Dort sei es schwer, Menschen und ihre Geschichten auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen. "Plumpe Internetrecherche" werfen dagegen die Aktivisten Tita von Hardenberg und ihren Kollegen vor. In den Medien hieß es nach Ausstrahlung des Bekennervideos, "Polylux tappt in Interview-Falle" und "Netzgeflüster: TV-Magazin sendet gefälschtes Interview". Peinlich, hat die Gier nach Exklusivem auf einen Irrweg geführt?

"Ein schwarzer Freitag für die Redaktion", gibt "Polylux" zu, doch muss die Sendung den eigenen Reinfall deshalb mit den gefälschten Hitler-Tagbüchern vergleichen? So wichtig ist das ARD-Format "Polylux" dann doch nicht. Den Vorwurf der vernachlässigten Sorgfaltspflicht lässt die Redaktion nicht auf sich sitzen. Der falsche Speed-Tim sei schließlich glaubwürdig gewesen, Zittern und Schweißausbrüche habe der Mann gekonnt simuliert. Na dann.

Die "Hedonistische Internationale" kenne man übrigens schon eine Weile, die Spaßguerilla ist schließlich medienerprobt und wurde von "Polylux" bei diversen Aktion mit der Kamera begleitet. Beleidigt stellen Hardenberg & Co. nun fest: "Bis letzte Woche waren die Medien noch Verbündete der Anarchogruppe." Tja, so schnell kann´s gehen. Doch wozu das Ganze?, fragt "Polylux" neunmalklug und erklärt am Donnerstagabend: "Bewiesen wurde am Ende nur eines: Auch Journalisten kann man veräppeln." Ja, Frau von Hardenberg, genau darum ging´s.

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