Meinung : Mehr Freiheit – nur wozu?

Die Union wird nervös – weil gutes Handwerk allein kein verlässliches Fundament bietet

Ursula Weidenfeld

Vielleicht ist es die unheimliche Suche nach der konservativen Substanz, die die Union zurzeit so unruhig macht. Die Kanzlerkandidatin des guten Handwerks, die Freiheitskämpferin, die Durchregiererin – das alles hat Kratzer bekommen. Aber es lässt zumindest die Erwartung zu, dass eine unionsgeführte Bundesregierung entschlossen nach vorne handeln wird, wenn sie ein Mandat dafür bekommt.

Aber ist es vernünftig für eine konservative Partei, sich vor allem anderen mit einem liberalen Pragmatismus zu empfehlen? Fehlt da etwas? Man muss nicht verdrossen nach dem Überbau, dem intellektuellen Gerüst suchen. Man muss auch nicht verbittert das C zurückhaben wollen von der CDU, wie es der Kölner Kardinal Joachim Meissner reklamiert. Trotzdem kann man erkennen, dass die CDU den Konservativen im Land wenig bietet. Wenig vom guten Teil: dem christlichen Menschenbild, dem nachdenklichen Bürgersinn, dem skeptischen Beharrungsvermögen. Und wenig vom schlechten Teil: dem Wiederhaben-wollen der alten Zöpfe, dem rückwärtsgewandten Früher-war-alles-besser, dem reaktionär Fremdenfeindlichen. Den schlechten Teil hat unversehens die ganz Linke gekapert, die die gute alte DDR mit der guten alten westdeutschen Subventionsrepublik versöhnen will. Den guten Teil hat sich niemand angeeignet. Er ist vakant.

Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm fragt: Wie wertverlassen ist eine Region, die vierzig Jahre Sozialismus ertragen hat? Die Antwort ist ein nationaler Aufschrei. Dieselbe Phrase, andersherum gewendet, heißt: Wie wertvergessen ist eine Partei, wenn sie sich aufs Handwerk verlegt, aber nicht mehr sagen kann, welchem Zweck der Aufwand dient.

Angela Merkel ruft in ihren wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen Ludwig Erhard auf. Recht hat sie damit, Freiheit ist das, was diesem Land und seinen Bürgern am meisten fehlt. Aber Freiheit wozu?

Die liberale Antwort wäre: zur Selbstverwirklichung. Die sozialistische wäre: Freiheit, nicht für, sondern von Armut, Not und Bedrängnis. Die Antwort Erhards war: Freiheit und Verantwortung. Wer von der Freiheit profitiert, wer sie für sich nutzen kann, wird sie nur bewahren, wenn er sie anderen erträglich macht, wenn er die Verlierer nicht aus den Augen verliert. Diese andere Seite der Freiheit fehlt ausgerechnet der Partei, die mit ihrer Kandidatin die Versöhnung der Konservativen mit der Moderne versucht. Angela Merkel hat gesagt, dass die Christdemokraten die Spaltungen dieser Gesellschaft heilen wollen, dass sich die CDU „niemals“ mit einer lieblosen, einer gleichgültigen Gesellschaft abfinden werde. Den Beweis dafür hat sie noch nicht angetreten, weil sie nicht sagt, was das für die Verantwortung des Einzelnen heißt.

In der Mitte der Ära Kohl erschien ein Buch von Friedrich Christian Delius. Es hieß „Konservativ in 30 Tagen“ und trug die Redensarten, Plattitüden und verlockenden Vereinfachungen aus der Zeit der geistig-moralischen Wende zusammen. In Fragebögen wurden die Noch-Nicht-Konservativen angehalten, ihren Sprachschatz zu erweitern, auszutauschen und gegebenenfalls zu ergänzen. Heute braucht man so etwas nicht mehr. Die Union hat selbst noch keinen Begriff für das, was ihr fehlt.

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