Meinung : Mehr Inhalt für’s Geld

Neue Ganztagsschulen sind gut, das allein macht keine Reform

Simone von Stosch

Große Bildungsreform! – Bulmahns Ankündigung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wichtig klingt das, grundsätzlich. Es erinnert an Zeiten großer Visionen und Gewissheiten, von denen die Sozialdemokraten einst reichlich hatten. Verbunden ist das große Wort mit einer großen Summe – vier Milliarden Euro, immerhin.

Ministerin Bulmahn hat das Geld in allen Spardebatten retten können. Vorgesehen ist es für den Bau und Ausbau von rund 10 000 Ganztagsschulen. Durch sie könnten die großen Leistungsunterschiede zwischen sozial schwachen und starken Kindern ausgeglichen, die Leistungen insgesamt verbessert werden; die skandinavischen Länder, die bei den Schulvergleichen gut abschnitten, machen das vor. Auch die Union hat inzwischen ihren lauten Protest gegen Ganztagsschulen aufgegeben – alles auf dem richtigen Weg?

Zuerst zum Geld: Real ausgezahlt werden in diesem Jahr nur 300 Millionen. Verteilt auf die einzelnen Schulen springt erst einmal nicht viel raus. Der Bund darf in der Bildungspolitik ohnehin keine Personalkosten finanzieren. Das Geld nennt sich „Investitionshilfe“ und ist für Sachmittel vorgesehen: neue Computer, neue Bücher, neue Räume. Und die zusätzlichen Lehrer, die pädagogischen Konzepte? Beides ist Ländersache, die Kultusminister haben inzwischen zähneknirschend versprochen, gemeinsame Richtlinien zu erarbeiten. Die Ministerin beschränkt sich auf Andeutungen: Die Schulen könnten mit freien Trägern wie Horten, Jugendclubs und Sportvereinen zusammenarbeiten, um die zusätzliche Unterrichtszeit zu gestalten. Das allerdings klingt eher nach „verwahren“ als nach „fördern“, eher nach Beliebigkeit als nach einer pädagogischen Idee. Und noch ein Satz gibt zu denken: Frau Bulmahn will ein „Umdenken von der Auslese zur Förderung“. Hatten wir das nicht schon? „Bildung für alle!“ hieß es damals. Die Vision endete im grauen Alltag bundesdeutscher Reformschulen, in denen Chancengleichheit weitgehend darin besteht, dass alle immer weniger lernen.

Mehr Ganztagsschulen sind eine richtige Maßnahme – wenn damit pädagogische Inhalte einhergehen. Wenn Begabtenförderung und Unterstützung der Schwachen nicht länger als Gegensatz gelten. Wenn Lernen gesellschaftliche Verantwortung einbezieht, wenn der zusätzliche Unterricht auf das spätere Arbeitsleben vorbereitet. Das alles sollte die Bundesregierung von den Ländern fürs Geld einfordern. Vier Milliarden Euro, vage verteilt auf die kommenden Jahre, ohne eine neue Idee von Lernen und Leistung, das wäre wenig. Zu wenig, als das es den Namen Reform schon verdiente.

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