MEIN Blick : Das hohle Lied der Solidarität

Neoliberal darf offenbar nur die Bahn selbst sein.

Alexander Gauland

Ja, ich gebe es zu, mein Herz schlägt für die Lokführer. Natürlich hat das mit der stählernen Romantik dieses Berufsstandes zu tun, mit dem Eichendorffschen „ach, wer da mitfahren könnte“. Das stammt zwar noch aus der Postkutschenzeit, doch die Romantik hat die größeren Pferdestärken und den Fahrplanwechsel überdauert. Schließlich wollte fast jeder in seiner Jugend einmal Lokführer werden. Und das setzt sich fort mit der politischen Ästhetik der Kontrahenten. Hier der alte Fahrensmann Manfred Schell, mit dem man durch die Prärie reiten und den Angriff der bösen Indianer auf sein Eisenross abwehren möchte. Dort die smarte Managerin Margret Suckale, so ganz neue Zeit, Effizienz und Feminismus: glatte Rationalität gegen 19. Jahrhundert.

Doch halt, so einfach, so schlicht Alt gegen Neu ist es dann doch nicht. Denn während die Sinns und Mehdorns dieser Welt uns ununterbrochen Globalisierung, Flexibilisierung und Individualisierung schmackhaft zu machen versuchen und Eigenverantwortung und Leistung preisen, soll das nun plötzlich nicht mehr gelten. Schon bei Ärzten, Piloten und Fluglotsen erklang das hohe Lied der Solidarität, der Tarifeinheit, des Einstehens der Starken für die Schwachen. Man hatte plötzlich das Gefühl, dass die neoliberalen Werte für alle anderen gelten, nur nicht gegenüber den eigenen wirtschaftlichen Interessen. Dass die großen Industriegewerkschaften scheel auf die kleinen Standesorganisationen blicken, kann man ja noch verstehen, dass sich die Anhänger des freien Marktes unter den Schirm des Zwangstarifs flüchten, ist schon verkehrte Welt.

Besieht man die unterschiedlichen Positionen bei Licht, so wirkt der Romantiker Schell viel moderner als Bahn- und Gewerkschaftsfunktionäre zusammen: Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen ist ein liberales Credo, dem eigentlich auch Arbeitgeberpräsident Hundt zustimmen müsste. Dagegen besteht die Bahn auf der Einheitlichkeit im Konzern. Doch wieso diese – sieht man einmal von der Bequemlichkeit der Verhandlungsführung ab – in unserer ach so individualisierten Welt besser sein soll als Vielfalt, bleibt ihr Geheimnis.

Bahnchef Mehdorn predigt anderen gern vom Wasser der Beweglichkeit, möchte selbst aber weiter möglichst viel vom Wein der Gleichförmigkeit genießen. Glaubwürdig ist das nicht. Wenn die Marktmacht die Gehälter von Ackermann & Co bestimmt, muss das auch für Lokführer gelten. Merke: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.

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