MEIN Blick : Die Loveparade um jeden Preis

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Mit Eventkultur kann man keine Region entwickeln

Die Trostworte sind gesprochen, die Trauerreden verklungen.

Ein angeblich Schuldiger ist gefunden, die wahren Schuldigen werden noch gesucht. Ob nun Veranstalter, Genehmigungsbehörde oder Polizei, an irgendeinem außer dem unglücksseligen Duisburger Oberbürgermeister wird schon etwas hängen bleiben, sind erst einmal die Akten gesichtet und die Versäumnisse, Fehleinschätzungen und Nachlässigkeiten aufgearbeitet. Doch ganz unabhängig von den strafrechtlichen Ermittlungen gibt es auch eine moralische und gesellschaftliche Verantwortung, die sich eher an Zuständen und Haltungen denn an einzelnen Personen festmacht.

Da ist zum einen jener hypertrophe Vermarktungswille, das unbedingte Dabeisein, das aus dem ehemaligen Kohlenpott um fast jeden Preis einen postmateriellen Erlebnispark machen möchte. Als ob ohne Loveparade der Strukturwandel langsamer vorankäme, die Entleerung drastischer ausfiele und neue Arbeitsplätze noch seltener wären. Es ist das Schneller, Höher, Weiter, jener schon in dem Kulturhauptstadtprogramm von Fritz Pleitgen – früher ARD-Vorsitzender, heute Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH – spürbare kulturelle Größenwahn, der alle Vorbehalte hinter dem vermeintlichen Imagegewinn verschwinden lässt. Ruhrmetropole muss sein, koste es, was es wolle. Als ob sich das postmaterielle Elend der Region kulturell erlösen ließe.

Da ist aber auch eine kollektive Unverantwortlichkeit der vielen, ein blindes Vertrauen in das Funktionieren der Systeme, das die Besucher dazu treibt, sich auch dann noch das Hirn aus dem Kopf dröhnen zu lassen, wenn sie die Mängel der Fluchtwege und Ausstiegsmöglichkeiten erkennen können, wenn Enge und Nähe Angst statt Lust auf Mehr auslösen müssten. Was ist das für eine törichte und unreife Gesellschaft, in der die Technohysterie zum Wirtschaftsfaktor hochgejazzt werden kann, weil Hunderttausende ihr Glück in stumpfsinniger und auswegloser Gemeinsamkeit suchen? Macht sich nicht mitschuldig, wer dabei mitmacht?

Nur wenige Tage nach der Katastrophe konnte man einem Bericht der Barmer Ersatzkasse entnehmen, dass psychische Erkrankungen inzwischen für die meisten Behandlungstage in deutschen Kliniken verantwortlich sind. Bleibt nur die Frage, ob Veranstaltungen wie die von Duisburg nicht zugleich Ausdruck wie Ursache dieser Entwicklung sind. Für sich allein genommen sind weder Profitgier noch Verantwortungslosigkeit oder Größenwahn justiziabel. Auch Sicherheitslücken können das nächste Mal geschlossen werden. Aber ist ein Weg wirklich der richtige, der Eventkultur und Massenhysterie zur Grundlage einer nachhaltigen Entwicklung machen will? Schließlich wusste schon Adorno, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Nicht der Fehler im Einzelnen, das falsche Ganze ist das Problem.

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