MEIN Blick : Eine politisch korrekte Posse

Warum soll eine emanzipierte Demokratin künftig in die Bismarckstraße einbiegen, wo der Reichsgründer doch weder Demokrat noch Feminist war. Straßen, Plätze, Kasernen: Wessen Name taugt noch?

Alexander Gauland

Allmählich reicht es. Die Bundeswehr hat mit dem Unsinn angefangen, dass nur noch die Widerständler des 20. Juli und die Teilnehmer am Befreiungskrieg von 1813 traditions- und damit erinnerungswürdig sind. Und prompt verschlug es der Bundeswehrführung die Sprache, als herauskam, dass der überzeugte Jagdflieger und Katholik Werner Mölders zwar Juden geholfen hatte, aber als vor dem 20. Juli 1944 gefallener und damit nicht dem Widerstand angehörender Offizier nach dem Traditionserlass der Bundeswehr nicht als Namensgeber für eine Jagdstaffel geeignet ist.

Hindenburg-Kasernen gibt es schon längst keine mehr, auch wenn zwischen Tannenberg 1914 und dem 30. Januar 1933 keine Verbindung besteht. Nun hat es auch Erich Hoepner, einen – wenn auch umstrittenen – Teilnehmer des 20. Juli erwischt, dessen Name ein deutsches Gymnasium nicht mehr tragen möchte. Und natürlich Gerhard Ritter, dessen wissenschaftliche Leistung zwar noch immer die der meisten deutschen Historiker überragt, der aber als „Nationalkonservativer“ den Verantwortlichen der Badischen Zeitung für einen Publizistik-Preis suspekt erscheint.

Es ist schon erstaunlich: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Ernst Thälmann und sogar Wilhelm Pieck taugen in vielen Gemeinden Ostdeutschlands bis heute unhinterfragt als Namensgeber für Straßen und Plätze, doch ihre aristokratischen und bürgerlichen Widersacher werden ohne Angabe von Gründen aus dem Gedächtnis getilgt.

Es gehörte zu den zweifelhaften Traditionen sowohl des alten Ägypten wie der römischen Kaiserzeit, besiegte und überwundene Gegner einfach dem Vergessen anheimzugeben, ihre Namen aus Triumphbögen und Gedenksteinen zu meißeln. Man nannte das „damnatio memoriae“ und ersparte sich damit eine Auseinandersetzung mit der individuellen Leistung oder auch dem Versagen des Verworfenen.

Die immer wieder gern beschworene demokratische Debattenkultur hat hier kaum Wandel geschaffen, wenn der – in der Sache auch noch falsche – Generalverdacht des „Nationalkonservativismus“ ausreicht, ein Lebenswerk in den Orkus zu befördern. Was heute Ritter und Hoepner geschieht, kann morgen Bismarck und Stresemann treffen. Warum soll eine emanzipierte Demokratin künftig in die Bismarckstraße einbiegen, wo der Reichsgründer doch weder Demokrat noch Feminist war und Stresemann nie die Ostgrenze des Versailler Vertrages von 1919 akzeptiert hat.

Geschichtsvergessenheit hat Altbundespräsident Richard von Weizsäcker einst diesen Umgang mit der Vergangenheit genannt, die eine Zeit an unseren Maßstäben misst, statt sie aus ihren eigenen Maßstäben heraus zu verstehen. Wenn wir nicht aufpassen, beginnt die deutsche Geschichte künftig mit der Verkündung des Grundgesetzes, denn schließlich war auch Martin Luther Antijudaist und Stein und Hardenberg waren keineswegs Demokraten.

Deutsche Schüler könnten dann bald Karl Marx und Rudolf Breitscheid für die einzig erinnernswerten Figuren einer 2000-jährigen Vorgeschichte halten – nicht, weil die deutschen Schüler dümmer sind als junge Franzosen oder Polen, sondern weil sie dümmer gemacht werden von den politisch korrekten Eltern, Lehrern und Gemeindevätern, Pardon, Gemeindevätern und -müttern.

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