MEIN Blick : Für Sarrazin, gegen Windparks

Der Konservative findet sich oft auf verschiedenen Seiten der Barrikade wieder, findet Alexander Gauland und erklärt, was es bedeutet, im heutigen Deutschland konservativ zu sein.

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Nein, einfach ist es heute nicht mehr, ein Konservativer zu sein, also in geschichtlichen Kontinuitäten zu denken und zu handeln, sich der Traditionen zu vergewissern und gesellschaftliche Wirklichkeit erst und auch nur dann zu reformieren, wenn das Neue auch das Bessere ist. Wer etwas verändern will, trägt die Beweislast, heißt die Zauberformel und verhindert doch nicht, dass der Konservative sich oft auf verschiedenen Seiten der Barrikade wiederfindet.

Mit Thilo Sarrazin ist er sich einig, dass auch in 100 Jahren noch seine Enkel und Urenkel in Deutschland und unter Deutschen leben sollen und folglich multikulturelle Parallelgesellschaften eher schädlich als nützlich sind. Und mit dem hart bedrängten baden- württembergischen Ministerpräsidenten tritt er für konstitutionell geregelte Entscheidungsabläufe ein, ist also ein Anhänger der Stimmen- und nicht der Stimmungsdemokratie. Und dennoch bleibt er skeptisch gegenüber angeblich x-mal durchgerechneten Großprojekten, deren Wert in der Zukunft unsicher, deren Verwirklichung hier und heute aber tiefe Eingriffe in gebaute Stadt- und Kulturlandschaften notwendig macht. Es mag ja sein, dass die betriebswirtschaftliche Komplexität des Projektes Stuttgart 21 einer Volksabstimmung schwer zugänglich ist, doch das gilt auch für Sarrazins Annahmen und Hypothesen. Und wer hier Gehör für Volkes Stimme fordert, kann es dort kaum mit guten Gründen verweigern.

Doch das grüne Kopfnicken zur konservativen Skepsis gegenüber diesem technokratischen Großprojekt verwandelt sich sofort in eisige Ablehnung, wenn der Konservative die Verschandelung der Natur durch die neuen elektrischen Windmühlen beklagt. Längst sind diese trostlosen Symbole einer neuen Ökoindustrie über Brach- und Grasflächen hinausgewachsen und bedrohen das herkömmliche kleinräumige Landschaftsbild zwischen Kiel und Konstanz. Und während die Braunkohlentagebaue der Lausitz und Bitterfelds sich in neue Kulturlandschaften verwandeln, zerstören Windparks die alten.

Die Konfliktlinien geschichtlichen und damit konservativen Denkens lassen sich wieder einmal in nuce am besten in Potsdam, der Stadt zwischen Altem und Neuem betrachten. Dort geht der Streit am Ende darum, ob die wiederaufzubauende Kaiserliche Matrosenstation am Jungfernsee den Status von 1919 oder von 1929 aufnehmen soll, ob also Hafenanlagen aus der Zwischenkriegszeit rekonstruiert werden dürfen. Man kann als Konservativer beides vertreten, die geschichtliche Kontinuität bis zu ihrer Unterbrechung durch die gewaltsame Zerstörung wie die Beschränkung auf das hohenzollernsche Erbe.

Nur die Begründung für Letzteres, der Unesco-Welterbestatus verbiete historische Kontinuität, ist das Gegenteil einer konservativen Weltsicht: Nicht die Geschichte, sondern die Bürokratie entscheidet.

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