MEIN Blick : Hände hoch! Wortpolizei!

Die Debatte um Meisner ist selbst längst entartet.

Alexander Gauland

Von Sebastian Haffner stammt die nur auf den ersten Blick verblüffende Feststellung, dass Hitler und der Nationalsozialismus die größte Beschädigung bei den Deutschen verursacht haben. Denn so furchtbar die materiellen Verluste von Russen und Polen auch waren, nur den Deutschen ist ein Teil ihrer Identität, ihres geistigen Erbes zerstört worden, oder wie es der irgendwelcher rechten Sympathien wahrlich unverdächtige Zeithistoriker Peter Bender ausgedrückt hat, ihnen ist das Rückgrat gebrochen worden.

Was Kardinal Meisner in seiner kurzen Predigt zur Eröffnung des neuen Diözesanmuseums beklagt hat, dass Kunst ohne Gottesbezug ihre Mitte verliert, beliebig wird und so entartet, kann man für falsch und unzeitgemäß halten, die Diskussion dieser These wäre in jedem anderen Land ohne Aufregung möglich, nur in Deutschland ist sie durch den Gebrauch des Wortes entartet aus der öffentlichen Diskussion verbannt. Dass Meisners Wortwahl viel mit Hans Sedelmayr und seinem berühmten Buch vom „Verlust der Mitte“ zu tun hat, macht die Sache nicht besser. Denn die Wortpolizisten wussten natürlich, dass Sedelmayr seine akademische Karriere im Dritten Reich gemacht hat. Es ist schon so, was der Pesthauch des Nationalsozialismus an rechtem, konservativem und romantischem Gedankengut gestreift hat, ist aussätzig und in politischen Debatten nicht mehr verwendungsfähig, ganz gleich, welche geistigen Ahnen einst Pate gestanden haben.

Doch diese vom Kardinal nicht beachtete Regel gilt nur für das sogenannte rechte Spektrum der Geistesgeschichte, die Idee des Sozialismus strahlt noch immer vom geistigen Firmament, unberührt von der Tatsache, dass der nationale Sozialismus eine Mischung aus linken wie rechten Ideen war.

Dass die Linken teflongleich überlebt haben, die Rechten aber immer von Neuem beweisen müssen, dass sie nichts mit Auschwitz zu tun haben, hat in Deutschland eine linke gesellschaftliche Mehrheit etabliert und konservative Gegenpositionen in die rechte Schmuddelecke verbannt. Denn da nach der Überzeugung vieler die deutsche Geschichte nach Auschwitz geführt hat, ist als Widerpart einer linken Grundmelodie nur der Liberalismus, also Markt und Menschenrechte, übrig geblieben, eine höchst anfechtbare Mischung dank Bush, dem Irakkrieg und der gnadenlosen Globalisierung.

Kardinal Meisner hat dem eine christlich-konservative Position zur Seite stellen wollen und ist prompt an dem moralischen Verdikt des Nie wieder! gescheitert. Doch erst wenn der Verweis auf den Kulturbruch des Nationalsozialismus nicht mehr ausreicht, deutsche Geistesgeschichte in Richtig und Falsch einzuteilen, ist das notwendige Gleichgewicht zwischen rechts und links, zwischen erhaltenden und bewegenden Kräften einer Gesellschaft wieder im Lot.

Erst dann wird es möglich sein, von Entartung in dem Sinne zu sprechen, wie es Meisner intendiert hatte, ohne jedes Mal von der Goebbelskeule getroffen zu werden.

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