MEIN Blick : Inneres Ungleichgewicht Von Friedrich über Bismarck zu Hitler?

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Von Churchill stammt der böse Satz: Die Deutschen hat man entweder an der Gurgel oder sie küssen einem die Füße. Dieser Mangel an innerem Gleichgewicht kennzeichnet auch die jüngste Reaktion des Auswärtigen Amtes auf die Öffentlichmachung seiner Verstrickungen im Dritten Reich. Plötzlich stehen alle deutschen Diplomaten vor 1951 unter Generalverdacht und müssen sich vor „externem historischen Fachwissen“ rechtfertigen.

Wohl nur die Angst vor dem homerischen Gelächter der anderen hat verhindert, dass Humboldt in Rom und Bismarck in Paris ebenfalls abgehängt wurden. Man kann ja nie wissen! Doch was haben eigentlich Eulenburg in Wien, Bülow in Rom und Lichnowsky in London – um nur drei berühmte kaiserliche Botschafter zwischen 1871 und 1914 zu nennen – mit Adolf Hitler und der Judenvernichtung zu tun?

Wieder einmal, so der Eindruck, wird historische Erinnerung leichtfertig ausgelöscht, wird in vorauseilendem Gehorsam – gegenüber wem eigentlich? – deutsche Geschichte zu etwas grundsätzlich Zweifelhaftem erklärt, das auch über die zwölf furchtbaren Jahre hinaus immer von neuem vor einer politisch korrekten Historikerkommission zu erscheinen hat. Diese Furcht, nur ja nichts falsch zu machen, beschränkt unser militärisches Erbe gemäß dem Traditionserlass der Bundeswehr auf die Freiheitskriege und den Widerstand im Dritten Reich, als ob Düppel, Königgrätz, Sedan oder Tannenberg von einem Virus befallen wären.

Es stimmt schon, im Lichte unserer heutigen Einsichten und Erkenntnisse waren diese Kriege falsch und ihre Schlachten überflüssig. Aber das gilt auch für Marengo, Lodi, Austerlitz und Friedland, und hat dennoch die Franzosen nicht dazu gebracht, diese Namen um Napoleons Sarkophag im Invalidendom zu tilgen. Und auch jene, die den Gott sei Dank vergeblichen Versuch unternommen haben, den Namen Ernst Moritz Arndts aus der Universität Greifswald auszumerzen, verwechselten heutige Einsicht mit damaliger patriotischer Empfindung.

„Schlagt sie tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht“, reimte einst Heinrich von Kleist und bleibt dennoch einer unserer größten deutschen Dichter. Es wäre deshalb gut und richtig, wenn wir die ewige Suche nach dem Nationalsozialismus in unserer Geschichte vor 1933 allmählich beenden würden. Schon Golo Mann fand, dass die Geschichtsschreiber Hitler viel zu viel Ehre antun, wenn sie uns glauben machen wollen, Deutschland habe seit hundert Jahren nichts anderes getrieben, als sich auf das unvermeidliche Ende, den Nationalsozialismus, vorzubereiten.

Man kann des Guten eben auch zu viel tun. Kaiserliche Diplomaten waren keine Verbrecher, so wenig wie unsere Ururgroßväter bei Mars-la-Tour. Vielleicht sollte ein neuer Clark die Geschichte des Auswärtigen Amtes vor 1933 schreiben. Preußen ist diese „ausländische wissenschaftliche Einmischung“ gut bekommen. Seitdem ist der direkte Weg von Friedrich über Bismarck zu Hitler versperrt.

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