MEIN Blick : Kein Knobelsdorff aus Glas und Stahl

Fast wäre das Potsdamer Schloss verhunzt worden.

Alexander Gauland

Da hat Potsdam aber noch einmal Glück gehabt und die Potsdamer mit ihm: Denn die großzügige Spende des Software-Unternehmers Hasso Plattner für die Knobelsdorff-Fassade des neuen Landtagsschlosses verdeckt nun den eigentlichen Skandal, dass von sechs Entwürfen keiner das alte Schloss zum Ziel hatte. Trotz eindeutiger Beschlüsse des Landtages wollten sich offensichtlich alle beteiligten Architektengemeinschaften über diesen demokratischen Willen hinwegsetzen getreu dem aufklärerischen Grundsatz, dass demokratischer Wille nur dort zählt, wo die Richtung stimmt, also der Fortschritt triumphiert.

Und so hätten sich die Potsdamer am Ende zwischen verhunztem Barock und klassischer Moderne entscheiden müssen. Und natürlich hätten dann Architekten, Architekturkritiker und kritische Intellektuelle so lange die Vorzüge einer zeitgemäßen Bebauung gepriesen, bis daneben jeder bloß historisierende Entwurf alt und grau ausgesehen hätte. Es wäre zwar nicht um Knobelsdorff gegangen, aber er wäre das Opfer geworden und die Potsdamer hätten sich glücklich preisen können, wenn eine Glas- und Stahlkonstruktion die alte Mitte nicht zu sehr verschandelt hätte.

Dem hat Hasso Plattner einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt sollen die Entwürfe historisch nachgebessert, also barockisiert werden. Und das kostet natürlich Geld. Dieses Risiko sei aber beherrschbar, versichern die Entscheidungsträger. Wie großzügig von den beauftragten Architekten! Man stelle sich nur einmal vor, der König hätte Knobelsdorff um einen Entwurf nach seinen – des Königs – Vorstellungen gebeten, der Baumeister aber hätte etwas davon völlig Abweichendes geliefert und Majestät damit getröstet, dass die Anfertigung des ursprünglich Gewollten keine exorbitanten Mehrkosten verursache. Auch ein genialer Künstler wie Knobelsdorff hätte sich danach wohl einen neuen Herrn suchen müssen.

Dass Architektur nicht Selbstzweck, sondern Dienstleistung für einen Auftraggeber, den Bestimmungszweck des Bauwerkes und den es umgebenden Raum ist, scheint aus dem Bewusstsein aller so weit verdrängt zu sein, dass noch jede angeblich künstlerisch motivierte Eigenmächtigkeit akzeptiert wird. Dabei gibt es eine sehr einfache Art des sinnvollen Verzichts: Drei Absolventen der Fachhochschule Potsdam haben vor einiger Zeit den Landtag im Knobelsdorffer Schloss untergebracht und damit bewiesen, dass die Welt nicht neu erfunden werden muss, um einem alten Schloss eine neue Bestimmung zu geben. Warum also überhaupt eine Ausschreibung zur äußeren Form? Nun freuen sich angeblich alle über den Geldsegen, doch das sichtbare Lächeln mancher Politiker wie das unsichtbare der beteiligten Architekten wirken seltsam verkrampft.

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