Mein Blick : Niederlage der Gesinnungsschnüffler

Tom Cruise, Scientology und die Berufsverbote

Alexander Gauland

Und das ist auch gut so, möchte man Klaus Wowereit zitieren, schaut man auf den Ausgang der Debatte um Tom Cruise als filmischen Wiedergänger des Hitler-Attentäters Stauffenberg. Das erste Mal seit langem hat die politische Korrektheit eine Niederlage erlitten, haben sich Vernunft und Augenmaß gegenüber denjenigen behauptet, die das jakobinische Tugendideal an die Stelle des bürgerlich-liberalen Erbes setzen möchten, die angetreten sind, eine der Eigenschaften des modernen Verfassungsstaates, die Trennung des Öffentlichen vom Privaten, rückgängig zu machen.

Außer den üblichen Verdächtigen, also professionellen Sektenbeauftragten, evangelischen Pfarrern, einigen Grünen und – leider – auch einigen Nachfahren der Helden des 20. Juli 1944, hat die geistige Republik den Versuch abgewiesen, private Überzeugungen zum Maßstab der Zulässigkeit öffentlicher Wirksamkeit zu machen. Berufsverbote nannte man das in einer Zeit, als die kommunistische Gefahr eine reale und keine eingebildete war.

Wenn Scientology – wie immer wieder behauptet – Demokratie und Republik unterhöhlt, dann ist, da es sich um keine Partei handelt, das Bundesverwaltungsgericht dafür zuständig, Staat und Gesellschaft zu schützen.

Solange aber ein Verbot von Scientology weder beantragt wurde, noch gar ausgesprochen worden ist, bewegen sich die selbst ernannten Ankläger und Richter im Bereich der Gesinnungsschnüffelei. Es ist gut und richtig, dass Auschwitz und das, wofür es steht, uns die Verpflichtung auferlegen, sorgsam auf Anzeichen von Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen und Rassismus zu achten. Das verkehrt sich allerdings dort in sein Gegenteil, wo nachholende Reue und vorauseilende Buße das liberale Erbe der amerikanischen wie der französischen Revolution zerstören, eben die Gleichheit vor dem Gesetz und die Trennung von öffentlichem und privatem Raum.

Wie problematisch das Starren auf Rassismus in unserer Gesellschaft sein kann, hat kürzlich der Fall Ermyas Mulugeta in Potsdam gezeigt. Da die vermeintlichen Täter weiß und Deutsche waren und das Opfer aus Äthiopien stammte, nahm sich nicht nur der Generalbundesanwalt der Sache an, die wohl eher eine Schlägerei unter Betrunkenen war, sondern es wurde auch ein Klima der öffentlichen Vorverurteilung durch Mahnwachen und Solidaritätsadressen erzeugt, das das freisprechende Urteil des Potsdamer Landgerichtes schon fast zu einer mutigen Tat macht. Wenn das Selbstverständliche aber erst einmal beginnt, in einer Gesellschaft Mut zu erfordern, gerät die Freiheit in Gefahr und die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht.

Es ist gut, dass der amerikanische Schauspieler Tom Cruise uns – unwillentlich – diese Debatte aufgezwungen hat und die Intellektuellen sie angenommen haben. Wie hat das Rosa Luxemburg so unnachahmlich ausgedrückt: Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden.

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