Mein Blick : Was vergessen wird, war nicht

Die Aufregung ist groß. Deutsche Schüler halten Helmut Kohl für einen DDR-Politiker, sie datieren die Mauer auf das Jahr 1945 und wollen ihren Bau den Amerikanern in die Schuhe schieben. Die deutsche Elite ist geschichtslos.

Alexander Gauland

 Doch was will man vom Nachwuchs eines Volkes erwarten, dessen Kanzler vor einigen Jahren die Reichseinigung von 1870/71 und den deutsch-französischen Krieg aus diesen Jahren nicht zusammenbrachte? Erinnerungslosigkeit heißt die Krankheit, die Altbundespräsident Richard von Weizsäcker Geschichtsvergessenheit genannt hat. Den Deutschen – so ein Kritiker – „fehlt ein imaginativer, poetisch-gefühlsstarker Bezug zu ihrer fernen Vergangenheit“ und inzwischen offensichtlich auch zu ihrer nächsten.

Wenn schon Honecker und Kohl verwechselt werden, was sollen uns dann Fragen, die noch unsere Großeltern umtrieben: War die Reformation Fluch oder Segen? War Friedrichs Raubkrieg um Schlesien aus höheren Zwecken gerechtfertigt und was hat am Ende die Revolution von 1848 erbracht? Nachdem zu lange die alte Geschichte als Vorgeschichte von Auschwitz diffamiert wurde, gilt nun die neueste als bloße Nachwirkung, als die Folge von zwölf Jahren Katastrophe und Kulturbruch. Und was der psychologische Riegel der nationalsozialistischen Unheilsepoche an historischem Bewusstsein noch nicht ausgelöscht hat, löst sich in der Globalisierung auf. Denn warum sollen junge Menschen nach dem Woher ihres Volkes fragen, wenn nur noch das Wohin, die wirtschaftlichen Reformen in einer multikulturellen und globalisierten Welt zählen?

Das Dilemma historischer Bildung besteht nicht allein in den Brüchen deutscher Geschichte zwischen Österreich und Preußen, Reich und Staat, katholisch und evangelisch, die schon den größten deutschen Historiker Leopold von Ranke lieber über die Päpste als über Deutschland schreiben ließen, nein, das Dilemma besteht in dem Mangel an Geschichtsbewusstsein der Eliten. Seit sich die privatwirtschaftlich organisierte Freiheit von niemandem mehr bedroht fühlt, empfindet sie historische Wurzeln als Hemmnis auf dem Wege zu ungehindertem Konsum und ökonomischem Erfolg. Wie im Westen im Zuge des Wiederaufbaus ganze historische Innenstädte abgeräumt wurden, so im Osten Schlösser und Kirchen. Man wollte frei sein von störenden geschichtlichen Erinnerungen, im Westen zum Zwecke des Konsums, im Osten mit dem Ziel eines sozialistischen Neuanfangs.

Jetzt ist die Saat aufgegangen und die Revolution des Vergessens verschlingt die letzten Reste historischer Bildung. Mit Mahnmalen, Einheitsfeiern und Gedenkstätten ist dem nicht beizukommen, die Umkehr wird nur eine Chance haben, wenn deutsche Geschichte nicht mehr als Vorgeschichte oder als Nachwirkung des 30. Januar 1933 gelehrt wird.

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