Meinung : Mein Leben als Weihnachtsgans

Pascale Hugues

Die Engländer sind immer die ersten. Mitte November geht es los. Weihnachten ist noch Lichtjahre entfernt, gerade noch war man zum letzten Mal im Jahr im Schlachtensee schwimmen, da leuchtet auch schon etwas Orangenes, Quadratisches im Briefkasten: Die unvermeidbare erste Weihnachtskarte. Darauf wünscht ein debil dreinblickender Weihnachtsmann „Merry Christmas and a Happy New Year.“ In einer Ecke finde ich eine kritzelige, unleserliche Unterschrift. Kein weiteres Wort des unfreiwillig anonymen Absenders. Die Amerikaner dagegen sind beim Texten völlig schamlos. Eine texanische Freundin schickte dieses Jahr ein kopiertes Rundschreiben, in dem sie bis in die intimsten anatomischen Details den Ablauf ihrer endlosen Entbindung beschrieb.

Bisher dachte ich, Weihnachtskarten mit vorgedruckten guten Wünschen seien eine typisch angelsächsische Zwangshandlung. Aber nein – auch Deutschland wird von dieser Plage heimgesucht. Seit zwei Wochen wachsen die Briefberge auf meinem Schreibtisch, mein schlechtes Gewissen wächst mit. Antworten oder nicht antworten: Dieses Dilemma zerreißt mich. Erst der Februar erlöst mich. Die Etikette verbietet es, erst so spät auf die guten Wünsche zu reagieren. Also klaube ich die Briefe zusammen und stopfe sie unbeantwortet in den Papierkorb.

Weihnachtskarten sind aber keineswegs bloße Formalität. Jede enthüllt auf ihre Weise die psychische Verfasstheit des Absenders und seine subtilen Versuche, uns zu verführen. Das vom biederen Gelb der Generation Genscher ins knallige Grün der Generation Fischer übergewechselte Außenministerium ist besonders bemüht, Phantasie zu beweisen: Die Weihnachtskarte kommt als Adventskalender daher, hinter dessen Türchen sich die grinsenden Mitarbeiter des Pressereferats verbergen. Die deutsch-französiche Gesellschaft präsentiert sich als traditionsreiche, etwas angestaubte Institution, die kein Risiko eingehen will: Kupferstich vom Schloss Charlottenburg. Die Schwartzkopf-Oberschule im Wedding prangert ostentativ die Finanzmisere der Berliner Schulen an und versendet ihre guten Wünsche als Fotokopie auf Recyclepapier. Hardenberg Concept, die Event-Agentur des neuen Berliner Jetsets, schickt ein schwarzes Kästlein mit in dunkle Schokolade gekleideten Lebkuchen, auf dem in weißem Zuckerguss die Initialen HC prangen. Sehr edel!

Gutmenschen nutzen den Anlass für die gute Tat des Jahres und verschicken Weihnachtskarten karitativer Einrichtungen. Multikultis bringen ihre Gesinnung durch Karten zum Ausdruck, auf denen sie vielsprachige Weihnachtsgrüße unterbringen. Dann sind da noch die wohlmeinenden Absender (Steuerberater, Post, Bank, Autowerkstatt), die unter dem Vorwand freundlicher Wünsche für das neue Jahr daran erinnern, dass sie sich schon darauf freuen, einen bald wieder ausnehmen zu können wie die Weihnachtsgans. Weihnachtskarten gehören zum Arsenal der vorweihnachtlichen Folterinstrumente, wie Weihnachtsparties oder Noteinkäufe in letzter Minute. Trotzdem: Joyeux Noël.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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