MEIN Blick : Abgewandelte Altbauten

Rekonstruktion verträgt keine Kompromisse.

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An allem sind die Architekten schuld. Nachdem sie das BauhausErbe in einer seelenlosen westlichen Kastenarchitektur und einer nicht minder seelenlosen östlichen Plattenbauweise verwirtschaftet haben, drängt alles zur Rekonstruktion. Von der historischen Zeile in Frankfurt am Main über Dresdens Frauenkirche und Neuem Markt bis zu Berlins und Potsdams Stadtschlössern rufen die Bürger nach Wiederherstellung des Alten, da die Moderne kein Heimatgefühl vermitteln kann. Und damit beginnt das Elend. Die einen wollen einen Landtag bauen, die anderen das Stadtschloss neu erstehen lassen. Die einen bequemen sich mit ihren vorgeblichen Notwendigkeiten mühsam alten Kubaturen an, die anderen blicken scheel auf unhistorische Verdickungen, Stauchungen und andere Kompromisse, die – wie auf einer schiefen Ebene – aus Knobelsdorff einen Knobelsdorff-Hybrid machen, ein fauler architektonischer Kompromiss, nicht Fisch, nicht Fleisch, weder Knobelsdorff noch wirklich neu.

Nun kann man lange darüber streiten, ob Raumanforderungen sinnvoll und notwendig sind, die ein Land voraussetzen, das es heute und in naher Zukunft nicht geben wird und die dann eine neue Generation ganz anders beantworten mag. Schließlich gibt es ja noch den Preußischen Landtag in Berlin und auch ein wiederaufgebautes Palais Barbarini könnte weiteren Raum für die Parlamentarier schaffen. Was aber bestimmt danebengeht, ist der fast verzweifelte Versuch, einen modernen Landtag in ein altes Schloss zu pressen.

Man muss sich schon entscheiden, was Priorität hat – der Landtag oder das Schloss. Entweder richtet sich das Raumprogramm nach den historischen Möglichkeiten oder es entsteht ein dekorativer Wechselbalg, statt des von seinen Freunden herbeigesehnten Schlosses. Rekonstruktion macht Sinn nur, wenn sie historische Rekonstruktion ist, wenn zumindest das Außen – wenn das Innen schon unwiederherstellbar ist – die Würde des Alten besitzt. Schließlich hat man auch die Frauenkirche nicht den Erfordernissen einer viel kleineren evangelischen Gemeinde in der heutigen Zeit angepasst, billiger wäre es bestimmt geworden.

Kein Mensch käme auf die Idee, beim Nachbau eines englischen Roadsters die Hülle willkürlich zu verändern, nur das Potsdamer Stadtschloss glaubt man als abgewandelten Altbau wiedererrichten zu können. Rekonstruktion ist dann gut und richtig, wenn man allein dieses und kein anderes Schloss an diesem Ort für notwendig hält, wenn wie beim Frankfurter Goethehaus, das Neue, wenn auch ohne Patina, dem Alten gleicht. Wenn man aber von Maß, Form, Kubatur und Aussehen abzuweichen gedenkt, wäre jede Lösung besser, die nicht vorgibt, das Alte wiedererstehen zu lassen. Erinnerung an das, was dort einmal stand, kann man auch mit dem Einbau von Spolien in ein neues Gebäude wach halten. Ein gesichtsloser Kasten in Potsdams Mitte wäre schrecklich, ein architektonischer Wechselbalg aus Alt und Neu aber noch schrecklicher.

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