• MEIN Blick: Das Private ersetzt das Politische Politik braucht einen Sinn für die Geschichte

MEIN Blick : Das Private ersetzt das Politische Politik braucht einen Sinn für die Geschichte

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Alexander Gauland findet, dass abweichende Meinungen ins Aus gedrängt werden.
Alexander Gauland findet, dass abweichende Meinungen ins Aus gedrängt werden.TSP

Manchmal sagt eine gut gemachte Ausstellung über eine lange zurückliegende Epoche mehr über das Hier und Jetzt unserer Gesellschaft aus, als es eine noch so kluge Rede unseres rhetorisch begabten Staatsoberhauptes je könnte. Denn gut gemachte Ausstellungen – und „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs im Neuen Palais zu Potsdam ist so eine gut gemachte – legen Tendenzen offen, die wir uns nicht immer eingestehen mögen. Und wer könnte neben Luther, Bismarck und ja leider auch Adolf Hitler mehr über uns berichten als der große Preußenkönig oder besser, wessen wissenschaftlich-didaktische Rezeption ist geeigneter, uns selbst zu erkennen. Friedrich, das war von Anfang an auch ein Programm. Mag er auch am ehesten seinem eigenen Ruhm verpflichtet gewesen sein, er war doch programmatischer Beginn einer großen Geschichtserzählung vom Aufstieg Preußens und der deutschen Einigung unter seiner Führung. Denn schließlich, so schon Gerhard Ritter in seinem Friedrich-Buch von 1936: „Er hat damit den Grund für die Größe Preußens gelegt; und so ist seine Tat (der Raub Schlesiens) vor der Geschichte gerechtfertigt.“ Im Jahre 1954 schränkte Ritter in der Wiederauflage seines populären Werkes ein: „Er hat damit den Grund für die Größe Preußens gelegt; und solange dessen Aufstieg dauerte, konnte seine Tat als gerechtfertigt vor der Geschichte erscheinen.“ Das spätere Unheil hat am Ende auch das frühere Urteil korrigiert. Doch es war immer eine politische Erzählung, die Geschichte der Deutschen, aus der noch Bismarck – kein großer Bewunderer des friderizianischen Hasardierens – die Legende für den Spiegelsaal von Versailles strickte. Und so war Friedrichs Tun bis 1945 immer zuerst ein politisches, trat hinter dem König, ob nun groß oder nicht, das Private zurück oder besser, es illuminierte den royalen Politiker statt den gebildeten Privatier.

Das ist heute anders. Seit noch Hitler im Bunker auf das Wunder des Hauses Brandenburg hoffte, ist die politische Erzählung an ihr Ende gekommen. Niemand fragt mehr – und zwar nicht akademisch, sondern ganz real – wie Thomas Mann 1916 und Millionen von Bildungsbürgern vor ihm und seither: War Friedrich in seinen Taten durch die Notwendigkeiten der aufsteigenden Macht gerechtfertigt? Nein, was uns beschäftigt sind die privaten Ausgaben des angeblich so sparsamen Alten Fritz oder die wunderbaren Papierkostüme der von Friedrich 1742 verfassten Komödie vom „Modeaffen“. Mag sein, dass hier das künstlerisch-konservatorische Interesse über die historischen Notwendigkeiten gesiegt hat, aber ist es nicht auch ein Zeichen der Ferne unserer Zeit vom politischen Friedrich? Es ist wohl so, die deutsche Geschichtserzählung gibt es nicht mehr, und sie war im 19. Jahrhundert zum Teil auch Geschichtsfälschung, Programm für eine Politik, die Friedrich nicht im Sinn hatte, ja nicht haben konnte. Ihm ging es zuerst um sich selbst und seinen Nachruhm und danach um Preußen, um Deutschland ging es ihm nie, er kannte es gar nicht, weder geografisch noch sprachlich. Und doch bleibt die Frage, ob man eine der Schlüsselfiguren der deutschen Geschichte so weit entpolitisieren muss, um sie uns nahezubringen und verständlich zu machen. Ist es wirklich notwendig, die Gewichte so anders zu verteilen, dass Modepuppen mehr Raum einnehmen als Englands Aufstieg zur führenden Weltmacht – denn das war das welthistorische Ergebnis des Siebenjährigen Krieges, in dem der König gerade einmal seinen Raub Schlesiens verteidigen konnte.

Das Problem dieser Ausstellung ist das Problem unserer Gesellschaft: Alle – selbst die Polen – fordern von uns politische Führung, aber wir wollen sie nicht, und wir wissen nichts mehr mit ihr anzufangen. Friedrich ist keine Erzählung mehr, er ist ein Kaleidoskop, ein Event ohne inneren Zusammenhang mit unseren Notwendigkeiten hier und jetzt. Eben das ist die Schwäche der Ausstellung wie unserer Gesellschaft. Politische Führung braucht eine Erzählung. Wir können das eine nicht, weil wir das andere nicht mehr haben. „Friederisiko“ spiegelt dieses Dilemma glanzvoll wider.

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