MEIN Blick : Europa nach der Wahl

Das Ziel der EU ist längst erreicht. Warum uns die Vereinigten Staaten von Europa fremd sind.

Alexander Gauland

Man kann es sich einfach machen und den Wählern die Schuld in die Schuhe schieben. Sie haben eben die Bedeutung Brüssels und den Stellenwert des europäischen Parlaments nicht begriffen. Dabei haben die Wähler in ihrem Desinteresse mehr Verstand bewiesen als die europäischen Eliten. Denn Europa war immer das „Nie wieder!“ nach zwei Weltkriegen, die Friedensordnung, Adenauer und de Gaulle in Reims, Mitterrand und Kohl in Verdun. Das ging zu Herzen, das war emotional bewegend, das verstanden Deutsche, Franzosen und Niederländer.

Seit der Frieden gesichert und die kommunistische Bedrohung Geschichte ist, bekommt das Brüsseler Europa etwas künstlich Abgehobenes, etwas zwanghaft Bürokratisches, entwickelt es eine Versuchung zum Staat, wo nie Staat war, sondern föderale internationale Ordnung. Europa ist der Kontinent der Nationen, der vollkommenen wie Frankreich, Deutschland oder Polen und der unvollkommenen wie Belgien, Spanien oder auch die Erben des Habsburger Reiches. Es gibt keine europäische öffentliche Meinung, keine gemeinsame Sprache und keine europäische Kultur. Es gibt Engländer, Franzosen, Slowenen und Ungarn, die sich zusammengeschlossen haben, weil sie allein zu schwach und nur gemeinsam stark genug sind, das Deutsche, Englische, Polnische oder Französische in einer größer gewordenen Welt zu bewahren, ihm Einfluss zu verschaffen bei Indern, Chinesen, Amerikanern und Russen.

Europa ist das Zusammenlegen von Souveränitäten zum Zwecke ihrer Bewahrung, es ist der nationale Erhalt in einer globalisierten Welt. Die europäischen Staaten schließen sich zusammen, wie sich einst Bayern, Sachsen und Preußen zum Deutschen Reich vereinigten und dennoch weiter eifersüchtig in München, Dresden oder Hamburg über ihre innere Selbstständigkeit wachten. Dieses Ziel ist längst erreicht und wird – jedenfalls im Bewusstsein vieler Bürger – durch Lissabon schon überschritten, auf jeden Fall aber durch immer neue Aufnahmen, seien es die Türkei, die Ukraine oder Georgien, zerstört. Europa ist keine natürliche Einheit und das europäische Lebensgefühl über Jahrhunderte durch den überschaubaren Nationalstaat geprägt – die Vereinigten Staaten von Europa sind uns fremd.

Schon mehren sich in allen Staaten der Union die Protestparteien rechter und linker Observanz, die das ins Weite drängende Fremde wieder übersichtlich und begreifbar machen möchten. Schließlich empfinden Basken und Katalanen schon Spanien als Reich und viele Schotten Großbritannien als Fremdherrschaft. Es ist Zeit, Europa abzuschließen, es in ein endliches Projekt zu verwandeln, schließlich hat gerade in Deutschland die ins Unendliche schweifende Reichsidee am Ende mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Der Europamüdigkeit, ja Verdrossenheit wird man nur Herr, wenn die Brüsseler Eliten auf den Boden der Tatsachen zurückfinden und der ist in Europa die Nation als der Bezugspunkt aller Sehnsüchte, Unzufriedenheiten und Wünsche.

Europa ist kulturell wie historisch eine Staatenwelt. Es zum Brüsseler Großstaat zu formen, heißt, es zu zerstören, heißt auch das Notwendige und Sinnvolle wieder infrage zu stellen. Statt auf immer neue Vereinheitlichungen zu sinnen, sollte sich die Brüsseler Bürokratie des alten guten Prinzips der Subsidiarität erinnern: Was die kleinere Einheit sinnvoll regeln kann, muss auch dort verbleiben. Sonst verlieren die Menschen die Lust an Europa und das wäre fatal in einer Welt künftiger Supermächte.

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