• MEIN Blick: Frankreichs alte Gelassenheit Wir mögen es, aber möchten wir es auch bezahlen?

MEIN Blick : Frankreichs alte Gelassenheit Wir mögen es, aber möchten wir es auch bezahlen?

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Nein, nicht schon wieder Griechenland und die soundsovielte Regierungsbildung mit neuen oder den alten Versprechungen, die man weder halten kann noch will. Schließlich sind weder Staat noch Gesellschaft daraufhin angelegt, in einen Globalisierungswettbewerb mit Deutschland einzutreten. Die Menschen wollen es nicht, und die staatliche Gewalt kann es nicht. Was nutzen da Brüsseler Beamte und alle möglichen Hilfestellungen. Auch sie können nicht an die Stelle der Griechen treten und das Land an ihrer statt regieren. Kolonien und Protektorate gehören mit gutem Grund der Vergangenheit an.

Nehmen wir doch einfach Frankreich. Beaujeu, Franche-Comtè, ländliches Frankreich, nicht zu weit von der deutschen Grenze und dennoch tiefes Frankreich ohne die Luxussahnehäubchen von Paris oder der Côte d’Azur, jenes Frankreich, das Friedrich Sieburg in seinem unvergessenen Buch als Gottes eigenes Land beschrieb, in sich ruhend, unaufgeregt. Die Glocken der halb verfallenen Kirche sind noch immer das lauteste Geräusch am Mittag und der Verkehr beschränkt sich auf ein Fahrzeug in jeder halben Stunde. Es ist ein Frankreich mit einem anderen Lebensrhythmus, langsam und vom ewigen Wechsel der Jahreszeiten stärker geprägt als von Industrie und Verkehr.

Doch auch hier ist es nicht mehr wie zu Sieburgs Zeiten. Manche Häuser stehen leer, andere sind verfallen, wenige die Zweitwohnsitze wohlhabender Städter aus dem Elsass oder gar Paris. Das ewige Frankreich leidet an der Globalisierung wie der ungleichmäßigen Verteilung der Güter zwischen Hauptstadt und Provinz, zwischen urbanen und ländlichen Regionen.

Hollande will das ändern. Frühere Rente, kürzere Arbeitszeit, er will den Lebensrhythmus wieder entschleunigen, mehr France profonde als France vite. Man kann es spüren, dass dies eher dem Lebensgefühl der Mehrheit entspricht als die hibbeligen Modernisierungsversuche seines Vorgängers. Selbst als Besucher empfindet man Sympathie mit der größeren Gelassenheit der neuen Regierungsherren.

Allerdings haben wir weder den einen noch die anderen gewählt, und es bleibt eine französische Entscheidung, welches Lebensgefühl am Ende triumphiert. Deshalb war es auch nicht gut, dass Angela Merkel im Wahlkampf Sarkozy unterstützt und Hollande bis zuletzt geschnitten hat. Denn trotz allen Brüsseler Möchtegern-Europäertums – es gibt keine gemeinsamen Wahlen, keine gemeinsame Sprache und folglich auch keine gemeinsame öffentliche Meinung.

Man spürt das in der FrancheComtè noch deutlicher als in Paris. Doch das Funktionieren des Euro setzt gerade das voraus – ein gemeinsames Bewusstsein gemeinsamer Probleme. Mag sein, dass wir bis jetzt am Euro verdient haben, auch wenn Sarrazin das in seinem neuen Buch bezweifelt. Doch jetzt, wo die Probleme beginnen, käme es darauf an, dass das Lebensgefühl wie das Bewusstsein in Potsdam kein anderes ist als in Dijon. Doch gerade das ist eine Schimäre, eine Elitenprojektion in die Zukunft.

Nirgendwo spürt man das stärker als 100 Kilometer westlich des Rheins. Hollandes Drängen auf Euro-Bonds ist verständlich, sie würden dazu beitragen, dass Frankreich noch länger bleibt wie es ist. Wir mögen es so, ob wir es auch bezahlen wollen, ist eine ganz andere Frage. Angela Merkel dürfte recht haben, wenn sie das im Namen einer Mehrheit der deutschen Wähler verneint.

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