MEIN Blick : Geschichtsvergessene Töne Wird in Europa wieder deutsch gesprochen?

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Selten noch hat eine Bemerkung, ob missverstanden oder nicht, klarer das Scheitern der Euro-Politik ausgedrückt. Denn wenn in Europa, wie Volker Kauder hofft, wieder deutsch gesprochen wird, kehrt eben jener Zustand zurück, den Mitterrand mit der neuen Währung auf ewig zu bannen gehofft hatte – Deutschlands halbhegemoniale Stellung in Europa. Was Bismarck einst schlaflose Nächte bereitete, Wilhelm II. nie wirklich verstand und der Gefreite aus Braunau mit brutaler Gewalt zu beseitigen hoffte, treibt nun wieder Europas Staatsmänner und Diplomaten um.

Deutschland ist zu stark für ein europäisches Gleichgewicht, aber zu schwach, um Europa zu dominieren. Eben deshalb ist nach Bismarcks Abgang jede Politik gescheitert, die Europa beibringen wollte, deutsch zu sprechen. Und so machen auch die Euro-Bonds in ihrer zynischen Verbrämung als Stabilitäts-Bonds Sinn. Denn nur wenn die deutsche Leistungskraft durch Umverteilung von Nord nach Süd sinkt und sich die deutsche Wirtschaft nach unten anpasst, lässt sich – so das Kalkül mancher Europäer – das deutsche Gewicht in Europa stabilitätswahrend mindern. Und während die Kanzlerin noch gegen die Schwächung deutscher Wirtschaftskraft durch Euro-Bonds ankämpft, tönt ihr Fraktionschef geschichtsvergessen im Stile von Wilhelm II.

Es ein fast unlösbares Problem, das vor allem die Grünen schon immer durch die Auflösung Deutschlands in Europa lösen wollten. Eine Lösung, die immer daran scheiterte, dass weder Franzosen noch Engländer oder Italiener in gleicher Weise ihren Nationalstaat abzustreifen gedachten. Es macht aber keinen Sinn, die nationale Identität Deutschlands preiszugeben, wenn die anderen dem Weg in die europäische Identität nicht zu folgen gedenken.

Schon deshalb ist der Euro eine fehlerhafte Konstruktion. Denn eben das, was Volker Kauder so stolz verkündet, werden sich weder Griechen noch Italiener und schon gar nicht die stolzen Franzosen gefallen lassen – ein Europa nach deutschen Bauplänen, also eine Union, in der institutionell deutsch gesprochen wird. Zu unterschiedlich sind die politischen und wirtschaftlichen Kulturen, und zu präsent ist noch die Erinnerung an die Zeit, da eine deutsche Stabilitätskultur nicht wirtschaftlich und finanzpolitisch, sondern militärisch und geopolitisch durchgesetzt werden sollte.

So ist der Euro, der die Lösung sein sollte, zum Teil des Problems geworden. Denn weder werden die Deutschen eine 20- bis 30-prozentige Absenkung ihres Lebensstandards durch Umverteilung klaglos hinnehmen, noch ihr Stabilitätsdenken den anderen aufzwingen können. Für den Euro gilt, was schon Bismarck zu seiner Zeit der Beschwörung Europas vorwarf, dass sie meistens dann ins Werk gesetzt werde, wenn dahinter nationale Interessen verborgen werden sollten.

Nur wenn Deutschland nicht die Rolle des strengen Zahl- und Zuchtmeisters annimmt, hat die europäische Einigung bei den Völkern Europas eine Chance. Europa scheitert nicht, wenn der Euro scheitert, sondern das Scheitern des Euro in seiner heutigen Form könnte Europa entlasten – von der ewigen Krise nicht zueinander passender Volkswirtschaften wie von der halbhegemonialen Stellung des wieder einmal zu großen Landes in der Mitte des Kontinents.

Manchmal kann ein Schritt zurück eben doch zielführender sein als ein alternativloser Sprung ins Dunkle. Schließlich stammt von Bismarck auch die Einsicht: Deutschland dürfte in Europa nicht „die Rolle des Mannes spielen, der plötzlich zu Geld gekommen ist und nun auf die Taler in seiner Tasche pochend jedermann anrempelt“.

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