MEIN Blick : Lieber kämpfen als kuscheln

Was im amerikanischen Wahlkampf gefordert und behauptet wurde, würde in Deutschland zu einer Flut von Gerichtsverfahren und Anklagen wegen Volksverhetzung führen. In den USA ist die Demokratie eben lebendiger als hier. Dort können die Wähler zwischen echten Alternativen wählen.

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Der Autor ist Publizist und lebt in Potsdam. Von 1992 bis 2005 war er Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen". Er ist stellvertretender Parteivorsitzende der "Alternative für Deutschland" (AfD).
Der Autor ist Publizist und lebt in Potsdam. Von 1992 bis 2005 war er Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen". Er ist...Foto: Thilo Rückeis

Die meisten Deutschen möchten wohl eher nicht in den Vereinigten Staaten zu Hause sein. Ihre Begeisterung für Obama, den 80 Prozent unserer Landsleute gewählt hätten, wenn man sie nur ließe, entspringt eher dem Wunsch, einen möglichst europäischen Kandidaten statt eines cowboyhaft-amerikanischen an der Regierung zu sehen, einen schwarzen Willy Brandt sozusagen, der Amerika ein wenig europäisieren und sozialdemokratisieren soll.

Man muss kein Anhänger dieser ins Persönliche, ja Rassistische reichenden Auseinandersetzung um das höchste Staatsamt in den USA sein, um dennoch manche Vorzüge dieses Kampfes gegenüber unserem eigenen politischen System wahrzunehmen. Denn Kampf ist anders als bei deutschen Wahlen die richtige Vokabel für eine Auseinandersetzung, bei der es nicht nur darum geht, ob Merkel oder Steinbrück den Euro besser verteidigen, sondern wirkliche Alternativen zur Wahl stehen.

Während die einen auf mehr Washington zur Lösung aller Probleme setzen, ist für die anderen diese Lösung gerade der Kern des Übels. Amerika, so das republikanische Credo, ist groß und stark geworden durch seine Menschen, die auch ohne Gesundheitsreform und soziale Umverteilung alle Existenzkrisen gemeistert und das Land nach vorne gebracht haben. Ob diese Logik privater Nachbarschaftshilfe bei zerfallenden Brücken und Highways noch funktioniert, ist eine andere Frage, sie hat aber zumindest den Charme einer echten Alternative zweier von Grund auf unterschiedlicher Ansätze und gegenteiliger Programme. Das mag die Zusammenarbeit nach den Wahlen erschweren, für den Wähler aber bietet es ein klares Entweder-Oder.

Während hierzulande alle politischen Kräfte den Euro retten wollen, auch wenn die Hälfte der Wähler eben das nicht will, hätte Romney am liebsten noch die Rettungs- und Notdienste privatisiert, um den Einfluss Washingtons zurückzudrängen. In Deutschland sind fast alle gegen das Betreuungsgeld und außer der allmählich verschwindenden FDP fast alle für Steuererhöhungen, getreu dem Motto: Der Staat hat nie genug, um seine Aufgabe zu erfüllen. In Amerika haben selbst arme weiße Männer gegen Steuererhöhungen gestimmt, weil sie denen, die diese Steuern verwalten und ausgeben, weniger zutrauen als ihrer Kirchengemeinde.

Und während die einen gegen illegale Einwanderung und für Mauern und Zäune gegenüber Mexiko und dem restlichen Süden sind, besteht Obamas demokratische Koalition aus Schwarzen, Latinos und jungen Frauen gerade auf der uneingeschränkten Multikulturalität des Landes.

Was im amerikanischen Wahlkampf gefordert und behauptet wurde, würde in Deutschland zu einer Flut von Gerichtsverfahren, Anklagen wegen Volksverhetzung, zumindest aber dem Ausschluss aus jeder politisch korrekten Diskussion führen. Während zwischen Atlantik und Stillem Ozean die gegensätzlichen politischen Glaubensbekenntnisse mit allen Mitteln um Macht und Wählerstimmen ringen, sind die politischen Unterschiede zwischen CDU und SPD kaum noch wahrnehmbar und werden wirkliche Alternativen gern der politischen Unkorrektheit geziehen.

In Deutschland ist eine politische Figur wie Sarrazin ein Querulant, dessen Auslassungen nicht nützlich sind; in den US-Wahlkämpfen sitzen die Sarrazins fast hinter jedem konservativen Rundfunkmikrofon. Man muss deren politisches Programm nicht mögen, um doch die Kraft des Streits um Inhalte zu bewundern, die von keiner Sorge vor vermeintlich unkorrekten, ausländerfeindlichen oder gar rassistischen Tönen getrübt wird. Politischer Streit ist in den USA fast Selbstzweck, in Deutschland eher ein Auslaufmodell. Welche Form der Demokratie am Ende die bessere ist, muss die Zukunft weisen, lebendiger erscheint in solchen Wahlkämpfen jedenfalls die amerikanische.

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