MEIN Blick : Um die Kinder geht es offenbar gar nicht

In Sonntagsreden Ehe und Familie als Grundlage von Staat und Gesellschaft preisen und montags Flachbildschirme und Zigarettenkonsum bejammern, ist eine Heuchelei, die der CDU schlecht ansteht.

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Der Autor ist Publizist und lebt in Potsdam. Von 1992 bis 2005 war er Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen". Er ist stellvertretender Parteivorsitzende der "Alternative für Deutschland" (AfD).
Der Autor ist Publizist und lebt in Potsdam. Von 1992 bis 2005 war er Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen". Er ist...Foto: Thilo Rückeis

Nun also das Betreuungsgeld zum x-ten Male. Als ob Deutschland keine anderen Probleme hätte, als den Streit über gerade einmal 150 Euro monatlich, die eine Familie erhalten soll, die keine staatliche Kinderbetreuung in Anspruch nimmt. Und da Grüne und SPD angekündigt haben, das Betreuungsgeld auch noch vor dem Bundesverfassungsgericht zu bekämpfen, bleibt uns das Thema erhalten, selbst wenn die CDU/CSU der FDP noch irgendeinen Kompensationsbrocken hinwirft.

Was an dieser Debatte nervt, ist ihre ideologische Aufgeregtheit. Gegner der neuen Sozialleistung benehmen sich, als ob Deutschland mit dem Betreuungsgeld an den Rand des Abgrunds rücke. Dabei haben sich merkwürdige Koalitionen gebildet. CSU und vielen Kinderärzten stehen SPD, Grüne, CDU-Frauen, Arbeitgeber und Gewerkschaften gegenüber. Und da beginnen auch schon die Zweifel, ob es hier wirklich um die Kinder oder um allerhand gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ziele geht, denen das Wohlergehen der Kinder als Vorwand dient, als Hebel zur Erreichung alles Möglichen, was mit dem Kindeswohl wenig oder nichts zu tun hat.

Besonders fragwürdig ist das emanzipatorische Bekenntnis der deutschen Wirtschaft, da sich die Älteren unter uns noch sehr wohl an Zeiten erinnern, in denen der Mangel an Arbeitsplätzen zu dem Rat führte, Frauen mögen sich doch bitte um Kinder und Familie kümmern. Und sollte den Bossen wirklich ihr soziales Herz schlagen, könnten sie mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit schnell viel Gutes tun. Aber auch die linke Seite des „Herdprämien-Bashing“ bedient sich merkwürdiger Argumente. Wenn heute in den Medien auf die Kriminalstatistik mancher Einwanderergruppen hingewiesen wird, ist der Rassismus-Vorwurf nicht weit. Und man muss schon ein so exotischer Sozialdemokrat wie der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sein, um das politisch heil zu überstehen. Doch wenn der Vorwurf lautet, jene Bevölkerungsgruppen könnten ihre Kinder nicht erziehen und würden das Geld in Flachbildschirme und anderen Konsumtand stecken, bleibt das unwidersprochen, wahrscheinlich weil dieser Vorwurf dem sozialen Fortschritt dient, der andere aber nur der Ausgrenzung.

Es mag ja sein, dass bescheidene 150 Euro keine besondere Steuerungswirkung entfalten und Frauen dafür ihre Lebensplanung kaum ändern. Doch schon der Verdacht, eine Frau könnte für dieses Taschengeld eine Zeit lang zu Hause bleiben, löst bei den Gegnern Konvulsionen aus. Es ist eben längst nicht mehr so, dass unsere Gesellschaft oder zumindest ihre führenden politischen Repräsentanten Wahlfreiheit akzeptieren. Vielmehr sind alle – von den Grünen bis zu den CDU-Frauen – entschlossen, das Rollenbild der ohne Kinderpause durcharbeitenden Frau in den Köpfen der Menschen so zu verankern, dass sie die Freiheit der Wahl aus Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung nicht mehr auszuüben wagen. Und dafür müssen jene seltsamen Theorien herhalten, wonach Einwanderer und Geringverdiener ihren Kindern so wenig bieten können oder wollen, dass der Kindergarten prinzipiell und immer die bessere Lösung ist.

Was als Angebot an junge arbeitende Mütter gut und richtig ist, wird so zum gesellschaftlichen Zwang, dem sich nur Arme und Dumme aus Mangel an Einsicht entziehen. Nur, wenn wir überzeugt davon sind, dass die meisten Familien in einer komplexen und globalisierten Umwelt ihrer Erziehungsaufgabe nicht mehr gerecht werden können, dann sollte man das ehrlich ansprechen und die „Schulpflicht“ mit eineinhalb Jahren beginnen lassen. Aber in Sonntagsreden – und das gilt besonders für die Partei, deren Frauen jetzt revoltieren – Ehe und Familie als Grundlage von Staat und Gesellschaft preisen und montags Flachbildschirme und Zigarettenkonsum bejammern, ist eine Heuchelei, die besonders einer christlichen Partei schlecht ansteht. Es wird Zeit, dass das Betreuungsgeld nun endlich kommt.

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