MEIN Blick : Unsere Überanpassung

Ob Finanzsystem oder Hochschulwesen: Deutschland sollte weniger auf das anglo-amerikanische Modell und mehr auf seine eigenen Traditionen setzen

Alexander Gauland

Nun kommen auch Frau Schavan Bedenken, ob die für die Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen nach dem Bologna-Prozess keineswegs notwendige Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen der Weisheit letzter Schluss war. Es ist wie im Fall der globalisierten Finanzmärkte: Wenn jemand bis vor kurzem das anglo-amerikanische Modell in der Wissenschaft wie in der Volkswirtschaft zu bezweifeln wagte, war er von gestern, ein hoffnungsloser Reaktionär. Und heute versucht die Politik mühselig das deutsche Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft zu retten und ein paar traurige Reste des einst vorbildlichen Humboldt’schen Bildungssystems zu bewahren.

Wenn heute deutsche wissenschaftliche Kongresse ohne ausländische Beteiligung in Englisch abgehalten werden und deutsche Forschungsinstitute deutschen Wissenschaftsorganisationen ihre Berichte in englischer Sprache einreichen, muss man wohl davon ausgehen, dass das Land Goethes und Humboldts aufgehört hat zu bestehen. Dazu haben rechte wie linke Ideologen ihren Beitrag geleistet. Die einen, indem sie alles gut und toll fanden, was die anglo-amerikanische Globalisierung voranbrachte, die anderen, weil sie deutsches Erbe und deutsche Traditionen gern für alles Elend dieser Welt verantwortlich machen und am liebsten ein für alle Mal auslöschen möchten.

Das Ergebnis ist ein Land, das zwar immer noch die stärkste Exportnation der Erde ist, aber kaum noch eine eigene, unverwechselbare Identität besitzt. Dass wir dabei in beiden Fällen falschen Vorbildern nachgelaufen sind, wird nun auch denen bewusst, die sonst das Deutsche mit einer gehörigen Portion Misstrauen betrachten. Denn es geht eben nur schlecht oder gar nicht zusammen, eigene nationale Interessen ohne eigenes kulturelles Selbstbewusstsein zu vertreten und andere von etwas überzeugen zu wollen, dem man selbst mit Abstand und Misstrauen gegenübersteht.

Und so macht es schon einen Unterschied, ob ich den Grad eines Magisters oder eines Bachelors erwerbe, ob ich an die große Tradition der deutschen Universitäten anzuknüpfen versuche oder deutsche universitäre Bildung irgendwo im Niemandsland zwischen Cambridge und Havard neue begründe.

Seit dem Untergang der DDR kann man bis auf den heutigen Tag die wehmütig-ironische Replik hören: Es war nicht alles schlecht … Zu kulturell-wissenschaftlichem Selbstbewusstsein gelangt das Land nur dann, wenn dieser Satz auch für die fernere Vergangenheit gilt. Solange im deutschen Unterbewusstsein die erste Frage lautet, ob Humboldt außer dem ersten Buchstaben wirklich nichts mit Hitler gemein habe, wird es schwer, nützliche und gute deutsche Traditionen in der Globalisierung zu bewahren.

Frankreich, Spanien und Italien sind da trotz Vichy, Franco und Mussolini viel weiter. Mag die Zeit einer eigenen deutschen geistigen Kategorie auch vorbei sein, Überanpassung macht uns langweilig, nicht liebenswert.

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