MEIN Blick : Züge brauchen Sekundärtugenden

Alle reden vom Wetter. Die Bahn leider auch

Alexander Gauland

Erinnern Sie sich noch: Alle reden vom Wetter, wir nicht. Mit diesem flotten Spruch warb die Bundesbahn in den 70er und 80er Jahren um die von Eis und Schnee auf den Straßen gestressten Reisenden. Und das Komische daran: Anders als heute lachte niemand. Denn obwohl die Temperaturen niedriger und die Schneedecken dicker waren, fuhren die Züge pünktlich, jedenfalls fast, und zwar sowohl die der alten Reichsbahn der DDR wie die der Bundesbahn im Westen. Und niemand wäre auf die Idee gekommen, minus 10 Grad und fünf Zentimeter Neuschnee als sibirische Kälte zu bezeichnen, für die die Züge nicht eingerichtet seien.

Und als ob es bloß die ICEs wären! Man braucht sich nur an einem Tag wie Montag vergangener Woche zu einem x-beliebigen Zeitpunkt auf Bahnhöfe wie Berlin oder Frankfurt am Main zu stellen, und man kann erleben, dass so gut wie kein Zug, sei es im Regionalverkehr, sei es im Fernverkehr pünktlich ist. Es ist jedes Jahr dasselbe. Minusgrade bringen das System Bahn trotz Wettervorhersage fast vollständig zum Erliegen und die Verantwortlichen zum Erfinden immer neuer Gründe und Ausreden. Nichts geht mehr, jedenfalls nichts nach Fahrplan.

Und während in der guten alten Eisenbahnzeit an jedem größeren Knotenpunkt eine Ersatzlok einsatzbereit unter Dampf stand, fehlen heute Ersatzzüge und werden deshalb defekte Triebwagenköpfe auf die Schiene geschickt, so geschehen am 19. Dezember zwischen Berlin und München, wo eine Verspätung am Ziel von bis zu vier Stunden von vornherein einkalkuliert war und den Reisenden auch zugemutet wurde. Die Bahnverantwortlichen jedenfalls werden das Scheitern der Klimakonferenz von Kopenhagen aufatmend begrüßt haben, da nur bei weiterer Erderwärmung das System Bahn einigermaßen funktioniert.

Die Deutsche Bahn leidet an zwei Schwächen, die sich wechselseitig potenzieren: Zum einen ist die Technologie der modernen Hochgeschwindigkeitszüge extrem anfällig, auf der anderen Seite verbieten offensichtlich betriebswirtschaftliche Überlegungen den Einbau notwendiger Puffer wie das Bereitstellen zusätzlichen rollenden Materials. Also lässt man lieber jeden zweiten Zug auf der Strecke Berlin-München ausfallen und die Bahnkunden leiden, statt mehr Geld auszugeben. Und anders als früher plagt die Verantwortlichen dabei nicht einmal das schlechte Gewissen, denn schließlich soll die Bahn fit gemacht werden für die Börse, nicht für Verkehr und Kunden. Winter ist eben Winter. Alle reden vom Wetter, wir auch. Bloß gut, dass in Europa Frieden herrscht und wir von Freunden umgeben sind. Mit dieser Bahn wären die Preußen 1866 bei Königgrätz und 1870 bei Metz und Sedan zu spät gekommen.

Aber Pünktlichkeit ist ja auch eine jener Sekundärtugenden, die nach Oskar Lafontaine nicht mehr zur Grundausstattung demokratischer Gesellschaften taugt. Vielleicht klappt es am Kapitalmarkt dafür umso besser.

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