Meine erste Schulhofprügelei : Je m’accuse

Auch ich war schon einmal gewalttätig. Mit 14 oder 15 Jahren habe ich auf dem Schulhof dem verdammten Pangasius Froschfuß (Name vom Redakteur geändert!) einen Zahn ausgeschlagen.

Harald Martenstein

Auch ich war schon einmal gewalttätig. Mit 14 oder 15 Jahren habe ich auf dem Schulhof dem verdammten Pangasius Froschfuß (Name vom Redakteur geändert!) einen Zahn ausgeschlagen. Er hat mich wegen meiner Brille dauernd gehänselt, außerdem schielte ich. Ich schielte, aber zum Glück verfügte ich auch über einen harten rechten Haken. Dafür gab es einen Tadel und jede Menge Stress zu Hause. Mit Pangasius habe ich mich später ausgesöhnt, es entstand sogar eine Art Freundschaft. Die Hänselei hörte auf. Die Aussage, dass „Gewalt nie etwas bringt“, wie die Lehrer schon damals gern sagten, ist in dieser pauschalen Weise nicht ganz richtig.

In der Debatte über schulische Gewalt sollte man zwei Tatsachen nicht außer Acht lassen. Erstens, Schulhofprügeleien zwischen Einzelnen oder zwischen rivalisierenden Jungsbanden hat es immer gegeben, sogar im alten Rom, wie man von Wandinschriften weiß. Zweitens, im Verlaufe der männlichen Adoleszenz gibt es häufig so eine Phase. Einer der schönsten Kinderfilme, „Der Krieg der Knöpfe“, handelt von einer Massenprügelei. Jungen sind, das war in letzter Zeit oft zu lesen, immer häufiger die Verlierer in einem Schulsystem, in dem sogenannte „männliche Rollenvorbilder“ selten geworden sind und in dem ihre Rangordnungskämpfe und ihre Selbstsuche in einer Weise dramatisiert werden, die ihnen nicht hilft. In der klassischen Schulhofprügelei konnte man tatsächlich etwas lernen, zum Beispiel, dass es im Interesse aller Beteiligten Regeln geben muss und wie man wieder Frieden schließt.

Natürlich hat sich etwas verändert. Ein anderer Film, Detlev Bucks „Knallhart“, erzählt davon. Regeln gelten offenbar seltener, Gewalt wird auf Handys inszeniert, Lehrer sind nicht mehr tabu. Auch Mädchen werden gewalttätiger. Dass hier Grenzen gezogen werden müssen, versteht sich von selbst. Man wird also, um den Lehrern zu helfen, Sozialarbeiter und Psychologen an die Schulen holen.

Dramatischer als die Erkenntnis, dass es Gewalt an der Schule gibt, finde ich die Erkenntnis, dass Lehrer und Eltern die Schule nicht mehr gemeinsam in den Griff bekommen. Woran das liegt, ist leider offensichtlich. Damals kamen den Lehrern in der Regel die Eltern zu Hilfe, wenn es Probleme gab, jetzt funktioniert das nicht mehr ohne weiteres. In vielen Bereichen sind der Staat und sein Personal in den letzten Jahren zurückgefahren worden, der Staat, heißt es ständig, könne nicht alle Probleme lösen. Bei der Erziehung läuft es umgekehrt. Die Meinung, dass Erziehung eine vor allem staatliche Aufgabe ist, gewinnt immer mehr an Boden. Viele Eltern fühlen sich für ihre Kinder, vor allem die größeren, nicht zuständig. Wofür kriegen die eigentlich ihr Kindergeld?

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