MEINE Heimat : Am Ende der Schönredespirale

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Es hätte mich wirklich ungemein gereizt, mir den verschönerten Armutsbericht, das Superergebnis der Kanzlerin, die schnurrende CSU-Katze, den Berliner Flughafen, die eine Milliarde für S21 oder den Verfassungsschutz zur Brust zu nehmen. Aber was soll ich Sie mit dem alltäglichen Wahnsinn der Politik belästigen, wenn man sich in seinem eigenen Leben auch alles passend macht?

Geht es Ihnen auch so, dass man tagaus tagein bemüht ist, Dinge schönzureden, weil man sonst Gefahr laufen würde, seinen Lebensumständen mit radikaler Brutalität entgegenzutreten? Zugegeben, ich bin zu weich, mein Aufschrei geht nur nach innen und bewirkt außer Hautirritationen rein gar nichts. Wir schreiben Menschen Eigenschaften zu, denen sie bei näherer Betrachtung nicht gewachsen sind. Wir lassen uns bis zur Selbstverleugnung ein X für ein U vormachen. Und alles nur, weil wir mit der nackten Realität ganz und gar nicht zurechtkommen würden. Weil wir das wissen, sind wir still. Wir reden uns unhaltbare Zustände schön, ignorieren aus Bequemlichkeit unzumutbare Haltungen, auch wenn sie noch so deutlich sichtbar sind.

Ich frage mich aber, wann der Punkt erreicht ist, an dem man sich widersetzt. Bereit ist, dem Wegsehen entgegen- und für andere aktiv einzutreten? Der Flachsinn macht sich schleichend breit, spätestens wenn er die eigene Hemmschwelle unterläuft, wird es Zeit aufzuwachen.

Gut, verordnen wir uns Gelassenheit und setzen wir auf den Funken Vernunft, der in uns allen glimmt. Es ist eine unverrückbare Tatsache, dass Menschen mit niedrigem Einkommen über ihre Steuern mehr als ein Viertel ihres Einkommens an den Staat geben. Es ist so, dass die Bestverdienenden in unserem Land keinen gerechten Anteil am Gemeinwesen leisten, die organisierte und professionelle Steuerflucht ins Ausland noch gar nicht berücksichtigt. Es ist so, dass Herkunft und Geldbeutel darüber bestimmen, wohin die Reise der Kinder geht. Es ist so, dass die um sich greifende Armut immer mehr an der Mitte der Gesellschaft kratzt.

Was tun? In einem Land mit einer Geburtenrate knapp vor dem Vatikanstaat wird der Politik nichts anderes übrig bleiben, als das anzunehmen, was da ist. Vielleicht ist es so, dass der Druck im Kessel irgendwann so groß wird, dass die ganze heiße Luft abgelassen wird, bevor der platzt und wir uns endlich eingestehen, dass man über seinen Schatten springen muss, damit es besser wird.

Die Frage ist nur, ob ich mir die bis dahin gewachsenen grauen Strähnen töne oder demografisch grau den neuen Style der Greisenrepublik mittrage. Während die Politiker uns Sand in die Augen streuen, vergessen sie, uns mitzunehmen. Wir aber halten heute schon aus, was sie uns bislang verschweigen. Wir sind nur still und ratlos, weil sie die Zeichen der Zeit so konsequent übersehen. Wir warten sehnsuchtsvoll. Schon ein Plan, ein Zeichen des Einsehens, ein Anzeichen, dass sie gewillt sind, die Herausforderung anzunehmen, wäre nicht schlecht.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Zararin neresinden dönülürse kardir – gleich, an welchem Punkt eines Irrwegs man umkehrt, es ist immer ein Gewinn.“

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