MEINE Heimat : Die liebe Familie

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Wenn es nur nicht immer so ein großes Bedürfnis gäbe, alles zu kategorisieren – um es anschließend mit einem Begriff bekleben zu können, der mehr schubladengerechte als menschliche Züge trägt. Zum Beispiel der Zirkus darum, was eine Familie ist, und wie sie sich zusammenzusetzen hat. Dabei stellt sich eher die Frage, was man tun muss, damit Familie ihren Aufgaben gerecht werden kann.

Am Wochenende habe ich meine Familie besucht, zu Hause, wie man sagt. Auch ein Begriff, der hierzulande eher beim Melderegister verortet ist und bei dem man weniger an den Schoß der Familie denkt. Meine Familie ist der Ort der Fürsorge, der Geborgenheit und der Nestwärme. Sie versprüht so starken Zusammenhalt, dass man meinen könnte, zu Hause ist dort, wo das Herz ist.

Damit wir uns verstehen: Familie ist nichts Perfektes. Es gibt ein paar Regeln, Rituale und Muster, und alles darüber hinaus muss ständig neu verhandelt werden. Prozessorientierung nennt sich das in der Organisationstheorie. Familie bedeutet, immer die zweitbeste Lösung zu finden. Denn für die beste gibt es keinen Konsens und auch keine Zeit. Familie im besten Sinne ist der Rahmen, in dem ich aufgewachsen bin, mich entwickeln und ausprobieren konnte, mithilfe meiner Eltern und Geschwister, durch Begreifen und durch Fehler.

Irgendwann überwirft man sich auch mit der Institution Familie und seiner Rolle darin. Man bricht aus. Wenn es gut geht, finden sich die Puzzlestücke in neuer Anordnung irgendwann wieder zusammen und alles wird gut.

Nun bilde ich in Berlin, der Stadt, die als Individualistenmetropole gilt, zusammen mit meinem Tochter-Puzzlestück auch eine Familie. Hinzu kommen meine wenigen Freunde, mit denen ich auch eine Familie bilde. Es gibt alle möglichen Erscheinungsformen von Familie. Gut, ich gebe zu, manchmal ist meine Freundefamilie sehr raumgreifend, aber sie hebt sich wohltuend ab von der funktionalen Art, gemeinsam die Freizeit totschlagen zu müssen. Freundschaften können sehr vertrauensvoll sein. Nur das familiäre Gefühl, dass man aufeinander angewiesen ist, fehlt. Nicht im Sinne von bedürftig, sondern im Sinne von emotionaler Zuverlässigkeit.

Nun gibt es Beziehungen, die so tun, als ob sie Familie wären. Wenn jeder jeden in der Hand hat, ist das bestenfalls eine Schicksalsgemeinschaft. Familie bedeutet keineswegs Konfliktfreiheit und schon gar nicht, immer einer Meinung zu sein. Sie ist ein Band des Miteinanders, auch unter schwierigen Umständen. Das klappt natürlich nicht von allein. Und wenn ich hier ein Patentrezept hätte, würde ich es Ihnen verraten. Nur so viel vielleicht: Wer nur sich in den Mittelpunkt stellt, gewinnt keine Menschen.

In der letzten Zeit male ich mir immer öfter meine Senioren-WG aus. Meine Rentnerfamilie sozusagen, die ich stütze und die mich hält, und in der die letzten Getreuen ebenso Eingang finden wie diejenigen, die sich im Aufbruch befinden und eine feste Burg als Basis brauchen. Mir wird bewusst, dass in dieser Lebensspanne der Wert von Beziehungen das sein wird, was bleibt. Oder wie mein Vater sagen würde: „En yüksek sevgi Allah sevgisi, en güzel sevgi aile sevgisi“ – die größte Liebe ist Gottes Liebe, die schönste Liebe ist die Liebe der Familie.

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