MEINE Heimat : Ohne großen Knall

Die Wulffs trennen sich, Mehdorn und Air Berlin trennen sich, bloß Wowereit und Berlin kommen nicht voneinander los. Wie schmerzunempfindlich kann ein Senat sein?

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Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: Sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut." Diese Gedichtzeile stammt aus Erich Kästners „Sachliche Romanze“ und trifft so ziemlich genau, was derzeit um uns herum passiert. Überall wird sich getrennt. Nicht mit einem großen Knall, der Überraschung, nein, eher desillusioniert, fast gleichgültig und ohne spürbare Emotion.

Wir erlebten dieser Tage den 3. Akt der öffentlichen Beziehung von Herrn und Frau Bundespräsident a. D. Wulff. Nicht die Tatsache, dass sie sich trennen, war das Bemerkenswerte, sondern wie nüchtern es geschah. Nachdem offenbar der Geschäftszweck der Beziehung weggefallen war, wurde sie abgewickelt. Die Zugewinngemeinschaft endete mit der Resteverwertung, aus der das meistverkaufte nicht gelesene Buch des letzten Jahres resultierte.

Auch das Rumpelstilzchen der deutschen Top-Manager nahm seinen Hut. Hartmut Mehdorn verließ die Brücke der Fluggesellschaft Air Berlin. Er, der die Bahn AG so auf Wettbewerb und Börsengang trimmte, dass Politik und Kunden aufjaulten und der Börsengang in letzter Minute scheiterte, darf nun nicht weiter Deutschlands zweitgrößte Airline kleinsägen. Mir ist dieser bodenständige Poltergeist eigentlich gar nicht unsympathisch, nur die Musik spielt ökonomisch in den Schwellenländern und Asien. Innereuropäisch sich im Luftverkehr gegenseitig das Wasser abzugraben, macht mangels Masse keinen Sinn.

Die dritte Trennung war keine. Sie erinnert mich an einen Boxer, dem der glanzvolle Abgang verwehrt bleibt. Er steht in der Ecke, kann kaum die Deckung hochhalten. Aber er hat auch keinen Impuls mehr, die Initiative im Ring wieder an sich zu reißen. Die Pannenserie des Willy-Brandt-Flughafens begann schon vor dem ersten Spatenstich und zieht seitdem ihre makabre Spur. Wohl nie gelang es, dieses Projekt planerisch und baubegleitend auch nur annähernd befriedigend unter Kontrolle zu bringen. Im Blindflug wurde vor sich hingemurkst. Dafür den Kopf des Regierenden zu fordern, ändert an der Pannenserie zwar wenig. Doch so zu tun, als ob einen das fast nichts anginge und es für ausreichend zu erachten, im Aufsichtsratsbettchen mit dem Leidensgenossen die Schlafseite zu wechseln, dafür reicht das Wort „dreist“ längst nicht mehr.

Ich weiß nicht, was mir mehr wehtut: die Schmerzunempfindlichkeit der Senatskoalition oder der hilflose Abwahlreflex der planlosen Opposition.

Wenn du ein totes Pferd reitest, dann steige ab, heißt ein indianisches Sprichwort. Es macht aber keinen Sinn, zwei tote Pferde zusammenzubinden und eine Kommission zu gründen, die Empfehlungen ausarbeiten soll, wie man das Reiten toter Pferde optimieren kann. Oder wie mein Vater sagen würde: „Bir ipte iki cambaz oynamaz“ – auf einem Seil können nicht zwei Akrobaten tanzen.

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