Meine Heimat : Pech, das an den Sohlen klebt

Die Schulanmeldung der Tochter, Hundehaufen und dann auch noch das Wetter. Der Alltag einer Kolumnistin ist manchmal von großen und kleinen Widrigkeiten geprägt.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Es gibt Tage, da wünscht’ ich, ich wär’ mein Hund“, heißt es in einem Lied von Reinhard Mey. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich wäre gerne eine dieser Großstadtspezies, an dessen Leinenende ein Mensch ist, der unerkannt die Haufen seines Vierbeiners unter herabfallendem Laub versteckt. Ab sofort verbringt man jeden Abend damit, den Berliner Biodünger aus den Schuhsohlen zu pulen. Nein, ich meine eher auf der Couch herumlungern und sich mit aufmunternden Worten an die frische Luft begleiten lassen. Danach steht mir der Sinn. Die letzten Zuckungen des Thermometers neigen sich dem Ende zu, bis es die Nulllinie erreicht. Berlin hüllt sich ein in Kälte, Dunkelheit und Nässe.

Eigentlich eine schöne Jahreszeit, um die Veranstaltungen von Kunst und Kultur in den prächtigen Gebäuden zu besuchen, mit Muße durch die Museen zu schlendern und seinen kulturellen Horizont zu erweitern. Oder es sich drinnen kuschelig einzurichten, am flackernden Kamin mit leicht gesüßtem heißen Tee und etwas Gebäck unbeschwert den Gedanken nachzuhängen.

Pustekuchen.

Für dieses fast abgelaufene Jahr ist die Ernte noch nicht eingefahren, von der Saat des nächsten Jahres nicht ein einziges Korn in der Kammer. Dafür habe ich viele neue soziale Kontakte und ein Training im Umgang mit Verwaltungsangestellten, was die unbedingte Voraussetzung dafür ist, in der vorgegebenen Frist die Schulanmeldung meiner Tochter an einer der Berliner Schulen abzuschließen, ohne dass man für mich einen stationären Therapieplatz suchen muss.

Heute sind wir aber empfindlich, höre ich Sie sagen. Dem stimme ich zu. Vielleicht ist es auch eine Reaktion darauf, dass mir nicht nur die tierischen Exkremente, sondern auch das Pech an den Sohlen klebt. Wir glauben ja an Kismet, Schicksal, und wenn man seinen Tag der offenen Tür für alles Unglück hat, fragt man sich zwangsläufig, was wohl die Botschaft dahinter sein könnte.

Und als ob der nahende November nicht schlimm genug wäre, fährt mich so ein Autofahrer, der Rechtsabbiegen, ohne auf Fußgänger zu achten, als emotionalen Risiko-Kick interpretiert, beinahe über den Haufen. Als ich in unverfrorener Eigenmächtigkeit beschließe, samt Rad und Kind den Gehweg zu nutzen, hält mich eine Dame des Ordnungsamtes an, um mich darüber aufzuklären, dass dies verboten sei, und ich die Einnahmen unserer gebeutelten Stadt nach dieser Ordnungswidrigkeit durch einen kleinen Obolus aufstocken dürfe.

Ja, es tut mir leid, heute biete ich keine Angriffsfläche für jene Akteure, die sich so gerne in der Integrationsdebatte in Szene setzen. Auch lasse ich die Politikerkaste in Ruhe und die Moralkeule in der Handtasche. Irgendwie müsste man in bestimmten Lebenslagen einfach vorspulen können, um den alltäglichen kleinen Horror zu überspringen. Aber morgen wird alles wieder gut. Wenn nicht, dann übermorgen. Oder wie mein Vater sagen würde: „Umut mutlulugun yarisidir – Hoffnung ist die Hälfte des Glücks.“

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