MEINE Heimat : Der Kandidat von gestern

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In Berlin hat ein über 70-Jähriger einen wichtigen Posten bekommen. Er hat in der Vergangenheit schon Großes geleistet. Einem Land, das jahrelang unter einer Diktatur litt, verhalf er mit einem Titel zu großem Glanz. Nun soll er uns retten: Otto Rehhagel, der neue Hertha-Trainer. Oh Verzeihung, habe ich Sie etwa verwirrt? Dachten Sie an den anderen Pensionär, der mir nix, dir nix aus dem Hut gezaubert wurde? Der Mann, der einem einzigen Substantiv eine Bedeutungsschwere verleiht, dass man glauben könnte, das Wort hätte sich ihm angepasst: Freiheit. Nein, ich will mich zu diesem Kandidaten nicht äußern oder noch nicht. Das tun ja fast alle anderen schon und zwar so, dass man kaum dazu kommt, einen eigenen Gedanken zu fassen.

Im Kern geht es auch gar nicht um ihn, sondern um eine beispiellose Aufführung, ein Paradebeispiel von Taktik und Strategie. Während sich Grün und Rot diebisch freuen, der Kanzlerin einen „linkskonservativökoliberalen“ Kandidaten untergejubelt zu haben, und die FDP am Notstromaggregat eine Wiederbelebung erfährt, macht Angela Merkel Politik aus dem Lehrbuch. Die Taktiker haben obsiegt, aber die große Strategin hat ihre Koalition für 2013 schon mal angewärmt. Täuschen Sie sich nicht, der Familienstand des neuen Bundespräsidenten ist ein Nebenkriegsschauplatz, der nur davon ablenken soll, dass Merkel ein Pendant im Schloss Bellevue hat, das ihre eigene Modernität im Vergleich zu seiner erst richtig zum Strahlen bringen wird. Er wird das Land im Gestern zusammenhalten, damit weitere Spielräume zur Veränderung in ihrem Sinne entstehen können.

Zum wiederholten Mal hat sie sich die Eitelkeit ihrer männlichen Konkurrenz zunutze gemacht, indem sie ihnen gestattet, diese kampflos auszuleben. Im Judo sagt man dazu: „Von den Kräften des Gegners profitieren, um sie am Ende für sich selbst zu nutzen.“ So bringt sie die rotgelbgrünen Knappen des Staatsoberhauptes für immer zum Schweigen. Nun soll einer noch mal sagen, dass Frauen keine Führungsfähigkeiten hätten. Jeder kriegt sein Bauklötzchen, nur die Chefin baut das Haus.

Um doch noch mal auf den Kandidaten zu kommen – ich gebe unumwunden zu, dass ich kein Philosophiestudium hinter mich gebracht habe. Aber ich weiß, dass Grundwerte auf einer langen Entwicklung beruhen. Grundwerte wurden gegen die Mächtigen von Kirche und Staat erkämpft. Wer das erkennt, hat begriffen, dass der Souverän das Volk ist und nicht die Institutionen. Freiheit ja, aber ohne Gerechtigkeit hat sie für die meisten Menschen keinen Wert. Freiheit ohne Gerechtigkeit ist wie ein Warenhaus hinter einer Panzerglasscheibe, an der man sich die Nase platt drückt. Ein Bundespräsident ist weder ein Heilsbringer noch ein Trainer, der ausschließlich am Erfolg gemessen wird. Er hat für mich die vornehme Aufgabe, unser Volk zusammenzuhalten.

Und wer weiß – bei den vielen Überraschungen der letzten Zeit wäre ich nicht erstaunt, wenn auch der Neue sich seiner Verantwortung stellt und an der Aufgabe wächst. Oder wie mein Vater sagen würde: „Ayagini yorganina göre uzat“ – strecke die Füße nach der Länge deiner Decke aus.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

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