Meinung : Meinungssoldaten

Harald Martenstein

Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht, tja, mit letzter Sicherheit weiß man es immer noch nicht. Es herrschen in dieser Hinsicht eine Menge Illusionen. Ob die Leute eine Meinung übernehmen, weil sie diese Meinung in der Zeitung gelesen haben, oder weil sie im Fernsehen kam? Ob die Leute sich so einfach bekehren lassen? Die Erfahrung spricht eher dagegen. Es ist wohl eher das Sein, das unserer Bewusstsein bestimmt, und weniger der Leitartikel.

Im Moment, im Vorwahlkampf, sind die Politiker und ihre Anhänger an dieser Frage besonders interessiert. Vielleicht übernimmt Rupert Murdoch schon bald in Deutschland das publizistische Erbe von Leo Kirch - was bedeutet das? Rollen dann auf Sat 1 anti-europäische Kampagnen, wie in Murdochs britischer Boulevardzeitung "Sun"? Bodo Hombach, der frühere Kanzleramtschef, sitzt seit ein paar Wochen in der Geschäftsführung des "WAZ"-Konzerns. Möglicherweise kauft dieses Unternehmen die kleine, aber nicht einflusslose "Woche". Wird "Die Woche" dann endgültig ein Verlautbarungsblatt für Schröders Regierung?

Die meisten Medienunternehmer betrachten sich in erster Linie als Unternehmer, nicht als Propheten einer Wahrheit. Das heißt: Der Kunde ist König. In Deutschland mag es der Kunde nicht sonderlich, wenn eine Zeitung oder eine Sendung sich bruchlos mit einer Partei oder einer Weltanschauung identifiziert. Parteiblätter haben in Deutschland seit Jahrzehnten immer weniger Erfolg, auch die Kirchenblätter haben es nicht leicht.

Der Verleger Axel Springer war in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Von Springers einstigen Anti-Sozi-Sturmgeschützen ist die "Bild"-Zeitung heute ein im Großen und Ganzen eher gesinnungsarmes Blatt - "liberal" wäre wohl ein zu großes Wort. "Bild" hat mit ihrer Art von Überparteilichkeit Erfolg. Die Zeitung surft gerne auf Meinungswellen, aber die Welle muss erst einmal da sein - ähnlich wie bei der "Sun". Die "Sun" haut auf die anti-europäische Pauke, weil viele Briten das mögen, und nicht umgekehrt.

Die "Welt" dagegen ist, trotz einiger Versuche, den Ruf nie losgeworden, politisch festgelegt zu sein. Ihre Frankfurter Rivalin, die FAZ, ist unberechenbarer. Der unterschiedliche Erfolg beider Zeitungen hängt wohl auch damit zusammen. Ein ähnliches Verhältnis herrscht, auf der linken Seite des politischen Spektrums, zwischen dem "Stern" und dem "Spiegel".

Unberechenbar zu bleiben, auf Distanz zu den Mächtigen zu achten - das sind journalistische und gleichzeitig ökonomische Grundregeln. Für uns Journalisten ist das wunderbar. Wer versucht, aus uns Parteisoldaten zu machen, der hat nichts davon. Journalistische Parteisoldaten werden vom Publikum nicht ernst genommen, heute weniger denn je. Natürlich ist fast jeder Journalist in gewisser Weise festgelegt, und jeder genaue Leser weiß nach einer Weile darüber Bescheid, welcher Name für welche Weltsicht steht. Als "Zeit"-Leser hofft man, dass man kein konservatives Blatt abonniert hat, und die "Frankfurter Allgemeine" ist nun mal nicht linksliberal. Aber die Lektüre einer Zeitung bleibt nur spannend, wenn Überraschungen möglich sind. Journalisten, die unwiderruflich und bis ins Detail einem bestimmten "Lager" angehören, sind ein trauriger Anblick, wie jeder Lagerinsasse. Die Leute aber wollen ihren Spaß haben.

In den kommenden Monaten wird der Druck auf die Journalisten wachsen. In Großbritannien geben die Zeitungen sogar Wahlempfehlungen für eine bestimmte Partei ab. In Großbritannien hat es eben lange keine Diktatur mehr gegeben, man sieht die Politik stärker unter sportlichen Gesichtspunkten. Auch dort gilt die Überraschungs-Regel. 1997 hat zum Beispiel die "Sun", Rupert Murdochs konservative "Sun", ihre Leser dazu aufgerufen, Labour zu wählen. Wahrscheinlich, weil Labour ohnehin auf der Siegerstraße war. Nein, Opportunismus ist nicht schön, aber immerhin harmloser als eine gusseiserne Gesinnung.

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