Meinung : Memoiren eines Gourmets

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Der Kannibale von Rotenburg ist ein Mensch mit Gewissen. Er hat vor der Zubereitung gebetet und droben im Himmel um Vergebung gebeten – ein verirrter Christenmensch. Dennoch hat jetzt ein Pfarrer, der als Chefredakteur einer Kirchenzeitung arbeitet, Ärger wegen eines Interviews mit ihm bekommen; ein letztes Zeichen der Zurückhaltung, das wir alsbald vergessen können, denn mehrere Verlage haben bereits Interesse an den Memoiren des Rotenburger Gourmets angemeldet. Das könnte spätestens im nächsten Herbst der Knaller der Buchsaison werden, mit einem einprägsamen Titel („Mahlzeit!“) plus dazugehörigem Hörbuch, gelesen vielleicht vom Autor, um den authentischen Charakter des Werks zu betonen. Gehört dazu auch ein Rezeptbuch? Ein Kochkurs unter dem Motto „Zutaten, die wir nie wieder sehen wollen“? Falls ja, sollte der Verlag so etwas nicht unkommentiert in Umlauf bringen, sondern eine einfühlsame Kommentierung bestellen. Pfarrer Fliege, der Spezialist für heikle Seelenerkundung vor laufender Kamera, könnte sich da hervortun. Was werden die bunten Sender tun? Zwölf Lebensmüde mit dem Kannibalen in einen Container sperren? Hier schon mal der Titel: Einer wird gegessen.

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