Mensch und Tier : Die Sünde des Fleisches?

Natürlich gab es die Debatte Vegetarier versus Fleischesser schon tausendmal. Die enorme Resonanz auf das Buch "Tiere Essen" zeigt auch in Deutschland, dass die Diskussion jetzt eine gesellschaftliche Weiterung erfährt.

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Hätten unsere Vorfahren mit ihren steinzeitlichen Waffen nicht irgendwann begonnen, Tiere zu töten und ihr Fleisch mitsamt seinen für die Evolution des menschlichen Gehirns so nötigen Proteinen zu verzehren, würden wir jetzt diese Frage vermutlich nicht einmal denken können. Die Frage ist: Dürfen oder sollen wir weiterhin Tiere essen?

Natürlich gab es die Debatte Vegetarier versus Fleischesser schon tausendmal. Auch durch die Geschichte der Philosophie und der Religionen geistert immer wieder die Überlegung, ob mindestens höher entwickelte Tiere eine Seele haben oder so viel Verstand und Empfindung, um nicht nur als lebende Maschinen oder schieres Nahrungsmittel genutzt und verbraucht zu werden. Nun aber erscheint das alte Thema in neuem Licht.

Das liegt zunächst an einem Buch, das soeben auch auf Deutsch erschienen ist. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat, angeregt durch Fragen seines kleinen Sohns, ebenso praktisch recherchiert wie politisch und ethisch reflektiert, was das bedeutet: „Tiere essen“ – so der Titel seines Buchs, das zum internationalen Bestseller geworden ist. Die enorme Resonanz zeigt auch in Deutschland, dass die Diskussion jetzt eine gesellschaftliche Weiterung erfährt. Es geht nicht mehr um persönliche Skrupel oder Geschmacksentscheidungen. Oder um nur gesundheitliche Ernährungsfragen wie einst bei der BSE-Debatte. Es geht um unsere Zivilisation, um das grundlegende Verhältnis zur Natur und die Zukunft des Planeten.

Große Worte. Denkt man. Aber weil die Wälder des Amazonas weiterhin für Rinderweideflächen gerodet werden und mit dem Fleischhunger der Menschheit durch immer mehr Nutztierhaltung der Anteil klimawirksamer Gase auf rund 20 Prozent der gefährlichen Emissionen wächst, ist das ein reales Weltproblem. Und tatsächlich ist Fleisch in manchen Wohlstandsregionen inzwischen billiger als Gemüse. So billig, weil zum Beispiel in Deutschland 98 Prozent der rund 560 Millionen Hühner, Schweine und Rinder, die hier jährlich geschlachtet werden, aus der Massentierhaltung stammen. Es sind Tiere, die nie die Sonne, nie eine Wiese oder einen Misthaufen gesehen haben, die nie wirklich gelebt haben, bevor sie in so unvorstellbaren Mengen am Fließband und oft noch unter letzten Qualen getötet werden.

Eltern aller Schichten haben heute schon das Problem, ihren Kindern erklären zu müssen, dass Fische nicht als Stäbchen und Schweine nicht als Koteletts auf die Welt gekommen sind. Würde man unseren Kindern aber, die in der Schule neuerdings über gesundes Essen aufgeklärt werden sollen, dort auch Filme zeigen, die dokumentieren, was Millionen Hühner oder armen Schweinen tagtäglich in Massenmastbetrieben zugefügt wird, dann würden sie vor Entsetzen aufschreien und zu Hause die Tiefkühltruhen anzünden.

Wir Fleischesser geraten da in ein moralisches Dilemma. Wir trösten uns, wenn wir es uns leisten können, mit Biofleisch aus artgerechter Haltung. Das ist schon mal besser. Auch weniger wäre hier mehr, darum müsste noch keiner zum Hungerkünstler werden. Die mit EU-Agrarmilliarden subventionierte Massentierhaltung mitsamt ihren grausigen Viehtransporten bleibt eine Schande. Das ist nicht recht und das so produzierte Fleisch, schaut man auf die sozialen und ökologischen Kosten, nicht mal billig.

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