Merkel und das Machtwort : Immer mischt sie sich raus

Die Republik verspricht sich aller Orten Heil von einem Machtwort der Kanzlerin. Angela Merkel täte jedoch falsch daran, die ihr dadurch angetragene Autorität auszuspielen.

Malte Lehming

Was für ein Kontrast! Angela Merkel trifft Nelson Mandela, den 89-jährigen Friedensnobelpreisträger und früheren südafrikanischen Präsidenten, den gewaltlosen Überwinder der Apartheid. Zuvor sprach sie vor der UN-Generalversammlung in New York, nahm an zwei globalen Klimakonferenzen teil. Davor empfing sie den Dalai-Lama im Bundeskanzleramt. Klima, Menschenrechte, Afrika: Das ist ihre Welt. Und daheim? Da wird gezankt, gezetert und genörgelt. Die große Klapperkoalition positioniert sich lustvoll gegeneinander, so oft es irgend geht.

Unangreifbar, wie auf einer Wolke schwebend, wirkt gegen solch provinzielle Nickeligkeiten die Kanzlerin. Das provoziert natürlich. Also wird stets derselbe Trick versucht: Die Entrückte möge gefälligst hinabsteigen, wird verlangt, und ins Gebelle einstimmen – um ihr endlich die Aura der wahrhaft Wichtigen nehmen zu können. Das Zauberwort heißt „Machtwort“. Hier eine kurze, unvollständige Liste der jüngsten Forderungen: Merkel soll ein Machtwort sprechen im Bahn-Streit (GDL-Chef Schell), im Agenda-2010-Streit (Müntefering, Westerwelle, Thierse), im Koalitionskonflikt um den Pflegeurlaub (SPD-Generalsekretär Heil), bei der Reform der Erbschaftsteuer, im Zwist um die Sicherheit wegen Innenminister Schäuble und Verteidigungsminister Jung (Seeheimer Kreis plus Grünen-Vorsitzende Claudia Roth). Und so weiter.

Natürlich durchschaut Merkel den Trick und verweigert sich in der Regel allen Machtwort-Erwartungen. Denn manchmal entsteht ja bereits der Eindruck, viele Streitigkeiten würden nur deshalb angezettelt, um von ihr ein solches Machtwort verlangen zu können. Doch der, der verzweifelt nach Autorität ruft, verrät meist nur die eigene Autoritätsfixierung. Deshalb überrascht es nicht, dass Merkels Ansehen wächst, je lauter man sich von ihrem Machtwort das Heil verspricht.

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