Meinung : Merkel und die CDU: Vergifteter Beifall

Helmut Kohl hat in seinem letzten Wahlkampf eine irritierende Erfahrung gemacht. Auf den Plätzen und in den Hallen haben ihm Tausende zugejubelt. Doch der Beifall, obwohl ehrlich gemeint, taugte nicht als Indikator für die Lage der CDU und ihres Spitzenmannes. Im Kern erlebt Angela Merkel derzeit ähnliches. Der Parteitag der CDU Baden-Württemberg hat der Vorsitzenden für eine engagierte Rede mit tosendem Applaus gedankt. Nur zählt der Jubel nicht zum Nennwert. Jedenfalls nicht für die Frage, die diesen Parteitag und die gesamte Union an den Rand der politischen Lähmung umtreibt: die K-Frage.

Der Jubel zählt nicht, weil er nicht dementierte, was vorher geschah. Die Südwest-CDU hat Merkel klare Grenzen gezogen. Wenn es so etwas gibt wie einen halboffenen Aufstand, dann hat er im Europapark Rust stattgefunden. Der zweitstärkste CDU-Landesverband hat Merkel mitgeteilt, dass er sie als Vorsitzende zu dulden bereit ist, als Kanzlerkandidatin aber nicht. Das ist in der Sache nicht wirklich überraschend. Die Konservativen im Südwesten, mit einem stabilen Selbstbild als die besseren Bayern gesegnet, waren die letzten, die vor eineinhalb Jahren die Frau aus dem Osten akzeptierten. Geliebt haben sie sie nie.

In der Form war Rust trotzdem ein Affront, wie er schlimmer kaum hätte sein können. Dass jeder maßgebliche Redner betonte, gegen die Parteivorsitzende habe man ja nichts, aber ... - das ist bestenfalls naiv und schlimmstenfalls hinterlistig. Denn so fein differenziert das Publikum nun einmal nicht. Es bleibt, dass die Badener und Württemberger Merkel nicht wollen. Und es bleibt, dass sie in einer deutlichen Mehrheit Edmund Stoiber wollen. Der Name Wolfgang Schäuble ist so oft und so laut auf den Gängen nicht gefallen, als dass von einer Massenbewegung zu Gunsten des dritten Mannes die Rede sein könnte.

Hinter der Abmahnung an Merkel steckt viel Eigeninteresse. Der Kandidat Stoiber punktet allemal als Wahlhelfer zwischen Neckar und Bodensee, der Kandidatin Merkel trauen sie das hier nicht zu. Das eigene Hemd ist näher als die Hose der Gesamtpartei. Ein Verhalten, das keineswegs auf den Südwesten beschränkt ist. Die Partei brauchte nichts dringender als eiserne Solidarität, um als Gegenpart zur Bundesregierung ernst genommen zu werden. Die Kandidaten, die Möchtegern-Kandidaten, überhaupt alle müssten gut übereinander reden, notfalls wider ihre Überzeugung, wie es das Feindespaar Lafontaine-Schröder mustergültig vorgemacht hat. Statt dessen verschleißt sich die CDU in Kleinkriegen mit Kleinsiegen im eigenen Lager.

Wer nach Auswegen fragt, stößt auf Ratlosigkeit. Für die Demontage der Angela Merkel war Rust der vorläufige Höhepunkt - schlimmer als der Affront des CSU-Parteitags, weil der Angriff aus den eigenen Reihen kam. Viel Hoffnung bleibt nicht, dass die Parteichefin bis zum und beim Dresdner Bundesparteitag so viel Boden gut machen kann, dass sie anschließend in der Kandidatenfrage halbwegs souverän agiert. Aber wer nur als Getriebener erscheint, kann ja nicht einmal mit Anstand zu Gunsten eines anderen verzichten. Schon gar nicht, wenn dieser Andere hartnäckig den Eindruck vermittelt, er würde allenfalls antreten, wenn man ihn mit Bitten und Betteln in die Kandidatenrolle drängt.

Doch so weit ist die CDU eben auch nicht, dass sie geschlossen nach dem Bayern Stoiber riefe. Dass in der Funktionärsschicht wie in Teilen der Basis sich die Auffassung verfestigt, Merkel sei nicht die richtige Kandidatin, ist eine Sache. Dass Merkel dieser Auffassung durch Pannen und Unzulänglichkeiten einige Berechtigung verliehen hat, ist unstreitig. Aber es bleibt nur eine Einigkeit im Negativen. Kein Retter naht. Nicht völlig auszuschließen, dass am Ende von zwei weiteren Monaten des Missmuts, des Gezänks und Gezerres als Kanzlerkandidat der Union nur übrig bleibt - Angela Merkel.

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